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Musical-Drama

Cabaret

Tingeltangel unterm Hakenkreuz


Musical-Geschichtsstunde hautnah. In einem ungewöhnlichen Raum-Konzept werden die Erlebnisse des Amerikaners Clifford in Nazi-Deutschland mitten ins Publikum verlegt. Einem überragenden Conférencier steht eine fehlbesetzte Sally Bowles gegenüber.

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:19.01.2008
Letzte bekannte Aufführung:22.07.2009


Deutschland ist am Boden. Wie tot liegt das Ensemble im Finale verstreut auf der Bühne. Einzig der Conférencier steigt feixend über die reglosen Körper hinweg. Sally stimmt "Ich lie-be das Ca-ba-" an, die abschließende Silbe schafft sie nicht mehr. "Gute Nacht" haucht der Conférencier bevor das Licht erlischt. Im dunklen Zuschauerraum herrscht für einige Augenblicke betroffene Stille. Schön, wenn ein Regisseur sein Publikum so berühren kann.

Michiel Dijkemas Inszenierung hat allerdings Anlaufschwierigkeiten und überzeugt erst im zweiten Teil der Show. Vor der Pause lässt der Regisseur die Handlung so lieb und brav nachspielen, dass die Befürchtung aufkeimt, in Neubrandenburg könnte "Cabaret" seiner politischen Aussage beraubt werden. Das ändert sich zum Glück. Im zweiten Akt illustriert Dijkema eindrucksvoll die von den neuen braunen Machthabern ausgehende Bedrohung. So wird Schriftsteller Clifford im "Kit Kat Club" nicht nur von Nazi-Schlägern brutal zu Boden geworfen und malträtiert. Auch der Conférencier, in dieser Szene mit angeklebtem schwarzen Schnurrbärtchen und Hitler-Frisur, tritt mit seinen Stiefeln noch einmal kräftig nach. Diese und andere Darstellungen sind besonders erschreckend, weil das Publikum sie wegen der originellen räumlichen Lösung fast hautnah miterlebt: Als sein eigener Bühnenbildner verzichtet Dijkema auf die Guckkastenbühne und stellt stattdessen einen pechschwarzen Laufsteg in den Zuschauerraum. Das Publikum sitzt sich an den beiden Längsseiten gegenüber. Durch ein mit mehreren Glühbirnenreihen dekoriertes Tor treten die Darsteller auf, an der entgegengesetzten Stirnseite ist die kleine Band witzig auf und um ein Klavier herum platziert. Auch hier krönen weiße Glühbirnen die entfernt an eine Skater-Halfpipe erinnernde kahle Spielfläche. Einige wenige in Schwarz- und Grautönen gehaltene Requisiten ermöglichen schnelle Szenenwechsel und deuten den jeweiligen Ort der Handlung an. Auch wenn diese nüchterne, von zwei Seiten einsehbare Konstruktion zunächst gewöhnungsbedürftig ist: Durch eine bewegte und ausgeklügelte Personenführung gelingt dem Regisseur das Kunststück, dem Zuschauer – egal wo er sitzt - wenig Rückenansichten vorzuführen. Bei der unmittelbaren Nähe zum Publikum sollten allerdings Nachlässigkeiten wie leere Gläser, aus denen sich zugeprostet wird, oder ein Grammophon, das ohne aufliegenden Plattenarm Musik spielt, nicht passieren.

Für Dekadenz und Verruchtheit im Amüsierbetrieb ist in dieser Inszenierung vor allem der Opernchor des Landestheaters zuständig. Als skurril geschminkte Animierdamen und –herren in aufwändig und sexy gestalteten Straps-Outfits (Kostüme: Claudia Damm) gefällt die spielfreudige und stimmgewaltige Truppe auch als laszives Tanzensemble (Choreografie: Thomas Vollmer). Wie ein Fremdkörper wirkt hingegen der eigentliche "Kit Kat Club"-Star: Das Aufregendste an Sally Bowles (Susanne Ellen Kirchesch) sind ihre in grellem Grün lackierten Fingernägel. Ansonsten wirkt die Darstellerin in ihren biederen, langen Abendkleidern wie eine im Nachtclub gestrandete Operetten-Soubrette. Kircheschs hölzernes, aufgesetzt wirkendes Spiel verstärkt diesen negativen Eindruck ebenso wie ihre klassisch ausgebildete Sopranstimme, die für die Sally-Bowles-Songs einfach eine Nummer zu groß ist. Da können sich die Musiker im Transenlook (Leitung: Alexander Livenson) noch so ins Zeug legen: In der Interpretation von Kirchesch klingen Lieder wie "Dies Mal hoff’ ich" (Maybe this time) oder "Money trägt die Welt rundherum" viel zu pathetisch. Dies liegt allerdings auch an der in die Jahre gekommenen, holperigen deutschen Übertragung von Robert Gilbert.

Sigurd Karnetzki ist ein Herr Schultz der kleinen aber feinen Gesten. Als der Anschlag auf sein Obstgeschäft verübt wird, bindet er langsam seine Schürze ab und deckt damit peinlich berührt das auf die Bühne geschmissene Schild mit Naziparolen zu. Karnetzki überzeugt mit vollem Bass-Bariton nicht nur sein angebetetes Fräulein Schneider. Bettina Mahr wirkt mit grauer Dutt-Perücke und Brille etwas zu sehr auf nette Oma getrimmt, gefällt stimmlich vor allem mit knorrigem Alt im galligen "Wie geht’s weiter?". Diese Frage hat sich die dralle, männervernaschende Wuchtbrumme Fräulein Kost (Sünne Peters) bereits beantwortet. Sie kollaboriert mit der neuen Obrigkeit und schmettert voller Inbrunst mit Ernst Ludwig (Michael Schöpe) das Lied von den Hirschen, die im Hain grasen. Beide Künstler singen mit schönen, sauber geführten Stimmen. Alexander Mildners angenehm timbrierter Bariton gibt dem amerikanischen Schriftsteller Clifford Bradshaw Format.

Der absolute Star der Aufführung heißt jedoch Nicholas Shannon. Als Conférencier eifert er nicht dem berühmten filmischen Vorbild nach, sondern legt diese Figur facettenreich als diabolisch, schmierigen Strippenzieher an. Der junge Darsteller spielt nicht bloß seine Rolle, er verschmilzt bei vollem Körpereinsatz ganz und gar mit ihr. Wenn Shannon clownesk durch die Zuschauerreihen geistert und mit großen Kulleraugen das Publikum anflirtet, vermittelt sein Conférencier ganz subtil, dass hinter der Grinsemaske das Böse lauert. Der Sänger verfügt über einen sicher geführten Tenor, den er problemlos aus der satten Mittellage in die Kopfstimme führen kann.

Als relativ kleines Haus mit kleinem Ensemble und schmalem Budget widerlegt das Theater Neubrandenburg/Neustrelitz das weit verbreitete Vorurteil, Musical sei einzig oberflächliche Unterhaltung. Hier ist "Cabaret" packendes Musiktheater mit Biss.


Rezensierte Vorstellung: 8. Februar 2008





Buch von Joe Masteroff nach den "Berlin Stories"
von Christopher Isherwood und dem Schauspiel "I Am a Camera" von John van Druten
Gesangstexte von Fred Ebb
Musik von John Kander

(Text: kw)






Kreativteam

Inszenierung und Bühnenbild Michiel Dijkema
Kostüme Claudia Damm
Choreografie Thomas Vollmer
Musikalische Leitung Mark Rohde/ Alexander Livenson


Besetzung

Sally BowlesSusanne Ellen Kirchesch
ConférencierNicholas Shannon
Clifford BradshawAlexander Mildner
Ernst LudwigMichael Schöpe
Fräulein SchneiderBettina Mahr
Herr SchultzSigurd Karnetzki
Fräulein KostSünne Peters
MaxRamin Varzandeh
MatrosenStefan Burmester
Günter Menzel
Alexander Schulz
Two LadiesSylke Kamin
Anja Schödel
GorillaGrit Kolpatzik
"Kit Kat"-Ensemble
Mitglieder des Opernchores
Sylke kamin
Grit Kolpatzik
Barbara Mobbs
Rita Sabaliauskiene
Anja Schödel
Anja Taube
Andreas Hartig
Bernd Richert
Bernd-Detlef Schultz
Mario Wagner
Opernchor des Landestheaters



"Damenkapelle" im "Kit Kat Klub"

Saxophon/Klarinette Andreas Rosin
Posaune Clemens Erdmann
Klavier Alexander Livenson
Mark Rohde
Bass Margarete Hafner
Schlagzeug Andreas Regolin



Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


3 Zuschauer haben eine Wertung abgegeben:


24944
Überzeugende Arbeit

06.03.2008 - Die Ausführungen des Kritikers über die Besetzung der Sally Bowles sind eine eindeutige Fehleinschätzung! Susanne Ellen Kirchesch liefert eine überzeugende Darstellung und wirkt weder "hölzern" noch "aufgesetzt", sondern im Gegenteil sehr authentisch und mitreißend. So wie der Kritiker bei Nick Shannon (Conférencier) den Film zitiert, scheint auch bei Sally viel zu engstirnig der ewige Vergleich zum Film gezogen worden zu sein. Theater sollte aber eben kein Museum sein, in dem immer und immer wieder die gleichen alten Schinken ausgestellt werden. Theater lebt, und es gibt Freiraum für eigene künstlerische Gestaltung! Diese Neubrandenburger Inszenierung ist ein starker Beweis dafür. Ein großes Lob an alle Beteiligten!

Herr M. aus N.


24873
Gute Leistung

03.03.2008 - Die Meinung des Artikelautors bzgl. Susanne Kirchesch als Sally Bowles teile ich überhaupt nicht. Natürlich ist unüberhörbar, dass die Sängerin aus dem klassischen Fach kommt. Aber das ist in diesem Fall überhaupt nicht von Nachteil. Wie oft hört man stimm-winzige, kläglich an den gesangstechnischen Schwierigkeiten einer solchen Partie scheiternde sogenannte "Musical-Sänger", bei denen einem vor jedem hohen Ton Angst und Bange wird!
Mag sein, dass Frau Kircheschs gesunde Stimmführung sich den einen oder anderen schmutzigen Ton verkneift. Ihre Ausdruckspalette bleibt trotzdem beeindruckend breit. Und wie man ihr quirliges-lebendiges Spiel (mit zum Teil akrobatischen Tanz-Einlagen) "hölzern" nennen kann, ist mir schier schleierhaft.
Auch bzgl. anderer Darsteller des Abends darf man die Kompetenz des obenstehenden Artikelschreibers gerne anzweifeln: Ein einfacher Blick auf die HP des Landestheaters Mecklenburg hätte zum Beispiel Klarheit darüber verschafft, dass Herr Karnetzki Tenor ist und kein Bass-Bariton. Vielleicht einfach mal die Ohren richtig aufgesperrt, das kann man nämlich auch HÖREN! ;o)

Holzwurm


23996
Klein aber fein

20.01.2008 -

Peter Rovacek


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