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Utopical

Schöne Neue Welt

Das Leben ist Lalala


Leider etwas langatmig geratener, satirsch-kritischer Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft nach dem Roman von Aldous Huxley. Werden denkende und fühlende Individuen aussterben?

(Text: Kai Wulfes)

Premiere:02.11.2006
Letzte bekannte Aufführung:07.06.2008


Ekel und Entsetzen bei den Bewohnern der auf permantes Glück, ausufernden Konsum und virtuellen Sex ausgerichteten Welt-Ordnung: Der aus der Verbannung ins Wohlstands-Wunderland transferierte John hat eine Mutter! Die genormten, in Flaschen gezüchteten Model-Menschen kennen diesen schmutzigen Begriff aus dem Museum ihres Brut- und Normcenters. Dort wird in einer Glasvitrine eine lebensgroße Puppe mit schlaffen Brüsten und einem aufblasbaren Bauch ausgestellt, die mit schmerzgequältem, irren Blick und unter heftigen Zuckungen den antiquierten Vorgang der als "Geburt" bezeichneten Menschenproduktion in der Vormoderne illustriert. Ebenso irritiert die Genussgesellschaft, dass der fremdartige Wilde mit keinem Chip zur Lustbefriedigung ausgestattet ist und einen ihm aufgezwungenen distanziert-technisierten Sexversuch angewidert abbricht. Ähnliche Differenzen tauchen in der Kommunikation auf: John hat das Sprechen aus weggeworfenen Büchern von Shakespeare, Goethe und Hermann Hesse erlernt. Die hipen Bewohner der SNW (Schönen Neuen Welt) rekapitulieren mit großer Hingabe das ihnen indoktrinierte, inhaltsleere Bla-Bla-Geschwafel und plädieren dafür, dass die deutsche Sprache abgeschafft werden soll.

Sind dies alles utopische Hirngespinste? Volker Ludwig, der den 1932 von Aldous Huxley als bissige Satire auf die Verhältnisse der Entstehungszeit geschriebenen Roman für die Musicalbühne adaptiert hat, lässt keinen Zweifel offen: Unsere Gesellschaft lebt bereits in der dargestellten Zukunft, den meisten ist es nur noch nicht bewusst. Mit seinem feinsinnig-satrischen Texten, in die allerlei aktuelle Spitzen einfließen (Nina Ruges "Alles wird gut" wird zum Beispiel als Zitat einer großen Philosophin der Vormoderne bezeichnet) hält er dem Publikum den Spiegel vor: Geburt und Tod sind längst instrumentalisiert, sexuelle Triebe werden mithilfe der Medien ausgelebt, berauschende Drogen vernebeln Probleme und wer nicht einer genormten Optik folgt, gilt als Außenseiter. Leider verzettelt sich der Autor aber in Einzelheiten, so dass das Stück insgesamt sehr langatmig wirkt. Im Zuge einer kritischen Überarbeitung sollten Szenen, die wenig zum Fortgang der Handlung beitragen (Rundgang durch das Brut- und Normcenter, Flug ins Reservat der Wilden), gekürzt oder ganz gestrichen werden.

Achim Gieseler hat für "Schöne Neue Welt" eine durchweg eingängige Musik komponiert, in der poppig-rockige Töne dominieren. Es erklingen aber auch eine große Hymne ("Schöne Neue Welt"), Country-Musik (Song der Wilden) und ein schmachtendes Liebesduett ("Und ich lieb dich doch") mit echten Ohrwurm-Qualitäten. Schon wegen der ironischen Texte gefallen der im Museum intonierte Mutter-Song (seine Textzeilen enthalten alle nur denkbaren Wortzusammensetzungen mit Mutter) sowie "Das Leben ist Lalala", mit dem das oberflächliche Lebensgefühl der genussorientierten Gesellschaft charakterisiert wird. Die auf der Balustrade über der Bühne postierte Band "No Worries" powert sich unter Gieselers Leitung durch die Partitur, dass es eine wahre Freude ist.

Mit seiner Inszenierung folgt Matthias Davids ganz dem satirischen Ansatz der Vorlage. Dabei nutzt er geschickt den gesamten Theaterraum, in dem die Zuschauer wie in einer Arena an drei Seiten um die kahle, durch sechs schnell wandelbare Prospekte begrenzte, Bühnenfläche (Bühnenbild: Mathias Fischer-Dieskau) herumsitzen. Davids lässt seine Darsteller häufig in Richtung des Publikums abgehen oder wieder auftreten und verlegt die in der Sächsischen Schweiz spielende Szene, in der der Wilde und die von ihm angebetete Lenina zusammenfinden, auf den Umgang mit den Scheinwerfern. Großen Wert legt Davids bei der Darstellerführung in der Charakterisierung der einzelnen Bevölkerungsschichten: Die zum Arbeiten verdonnerten Deltas und Epsilons sind nur noch tumbe Bewegungsroboter, während die Alpha-Führungsriege ganz smart und intellektuell daherkommt. Auch rein optisch lassen sich die einzelnen Bevölkerungsschichten leicht unterscheiden. Kostümbildnerin Barbara Kremer kleidet die genusssüchtigen Beta-Mädels in knappe, knatschrosa Minirock-Outfits à la Paris Hilton, die Mitglieder der Alpha-Kaste erscheinen im seriösen Grau und die regimetreuen Polizisten und Reporter in knalligem Hellgrün mit der Aufschrift Ordnungs- beziehungsweise Info-Team.

Dass im GRIPS-Theater mehr und mehr Musicals auf dem Programm stehen, zeigt sich in der Cast, die sich exzellent im Tanz bewegt (Neva Howards Choreografien leiden etwas unter den beengten Platzverhältnissen) und ausnahmslos gesanglich überzeugt. Die dankbarsten Rollen spielen Ester Daniel (Helena Watson) und Daniel Jeroma (Bernhard Marx), die als Alphas die Fehler im totalitären Gesellschaftssystem kennen und geschickt für ihre eigenen Zwecke nutzen. Michaela Hanser genießt als Johns Mutter Linda die Rückkehr in die Schöne Neue Welt, an deren Drogen sie letztendlich zugrunde geht. Frank Engelhardt ist ein korrupter wie schleimiger Präsident Mustafa Danone, der sich letztendlich als Vater von John herausstellt. Christoph Letkwoski gibt den Wilden als absoluten Sympathie-Träger der Show, der mit jeder Menge Charme und durchtrainiertem Körper Lenina (Kathrin Osterode) und ihren Beta-Freundinnen (Laura Leyh, Sonia Hausséguy) den Kopf verdreht.

"In dieser Welt fehlt dem Menschen alles, was ihn zum Menschen macht" sagt der Wilde zum Ende des Stücks und sehnt sich nach Gefühlen, Entscheidungsfreiheit, Bildung und Kultur. Bleibt zu hoffen, dass Menschen wie John nicht doch bald zu einer aussterbenden Spezies gehören.





Musical von Achim Gieseler (Musik) und Volker Ludwig (Buch und Songtexte)
nach dem Roman von Aldous Huxley
zusätzliche Kompositionen: Thomas Zaufke ("Begegnungsduett", "Leben ohne Träume")

(Text: kw)




Verwandte Themen:
News: PdW: Schöne Neue Welt (30.10.2006)
Hintergrund: Interview mit Volker Ludwig (30.10.2006)



Kreativteam

InszenierungMatthias Davids
ChoreografieNeva Howard
BühnenbildMathias Fischer-Dieskau
KostümeBarbara Kremer


Besetzung

Mustafa Bond, World Controller, Tom, PilotClaudius Freyer
Benedikt Danone, PräsidentRoland Wolf
Helena WatsonEster Daniel
Bernhard MarxDaniel Jeroma
Henry FosterRobert Neumanni
LeninaKathrin Osterode
Fanny, Leninas Freundin, Sabrina, KrankenschwesterJulia Schubert
Lizzy, Dalida, Danones SekretärinKatja Götz
Joe, Ranger, Soma-VerteilerJörg Westphal
John,der WildeChristoph Letkowski
Linda,Johns MutterMichaela Hanser
Greiser WilderManfred Grashof
Band "No Worries"George Kranz
Michael Brandt
Robert Neumann
Beathoven



Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


15 Zuschauer haben eine Wertung abgegeben:


15479
wie geil

31.12.2009 - war gut und auf jedenfall immer sehenswert....

Lovely


15513
echt gelungen

31.12.2009 - also ich fands echt toll. Habe den roman ja schon zweimal gelesen und muss sagen dass die drei hauptpersonen echt gut getroffen sind:) hätte nie gedacht dass man dieses buch als musical inszenieren kann, und dann auch noch so unterhaltsam! echt super!

engelchen


19262
christoph letkowski

31.12.2009 - ALSO DER SCHAUSPILER CHRISTOPH IST DER HAMMER !ER IST JA SOO ATRAKTIV UND SO TALENTIERT !ER WIRD SCHON GROß RAUSKOMMEN !UND DAS STÜCK HAT MIR TOTAL GEFALLEN BIN JETZT EIN FAN VON EUCH :) WEITER SO !

termeh


25981
anders aber super

04.05.2008 - Mit Linie 1 kann man das Stück nicht vergleichen, es hat einen ganz anderen Charakter, ist aber dennoch sehr überzeugend. Leider wird das Stück nur noch bis zur Sommerpause 2008 gespielt..also sehts euch noch schnell an, es lohnt sich wirklich!

kim


20623
nicht voll überzeugend

22.07.2007 - Eine sehr interessante Idee bietet die Story ja. Die Umsetzung gefällt zum Teil gut. Leider sind doch einige Längen vorhanden. Die Darsteller überzeugen vor allem schauspielerisch.
Schön, dass sich das Grips Theater weiterhin sozialkritischen Themen widmet.

Hardy


19813
enttäuscht von GRIPS

06.06.2007 - wenn man Linie 1 kennt und das niveau, das da geboten wird, ist man von dieser show hier ziemlich enttäuscht.

nina


17010
woah

27.01.2007 - ich fands einfach nur genial,
was man mit so wenig requisiten hinbekommen kann...
bin immernoch perplex
und diese musik,
die stimmen der schausteller...

wow...
respekt!

sblub


16696
einfach somatrich

12.01.2007 - es war der hammer!
ich fand es richtig genial gemacht ich habe das buch gelesen und es war fast alles nachgemacht. ne also ich muss sagen sehr gut gemacht....
...und vor allem JÖRG WESTPHAL ist und hat richtig gut gespielt
also für mich der beste schauspieler der welt

kl. jörgfan


15925
Dufte

04.12.2006 - Sehenswertes Stück. Bühnenbild phantasievoll. Kostüme genial. Geschichte schön, doch teilweise etwas langatmig und am Ende zu flach. Hätte etwas mutiger geschrieben und umgesetzt werden können.
Schauspieler alle, bis auf Mustafa Bond überzeugend.(Mensch, entweder müsste da der absolute Obervater oder ein richtiger Mafiosi stehen.Damit hätte man so viel machen können!). Ein Stern des Abends und Obersexy: LENINA. Würd ich gern öfter sehen und singen hören. Lob an Band, gut gespielt, trotz etwas zu zaghafter Komposition. Insgesamt gelungenes Stück und schöner Abend

Kothurne


15894
einfach genial!

01.12.2006 - also..... ich finde das stück sehr gut. die schauspieler die kostüme passen. passt einfach alles zusammen.
besonders einige schauspieler sehen einfach zum anbeißen aus ;)) z.b. jörg w.

icke


15817
Klasse

25.11.2006 - Also ich fand das Stück echt richtig gut. Mal was Anderes, als man sonst vom Grips gewohnt ist. Die Kostüme sind ohne Worte... Die Schauspieler sind sehr überzeugend. Die Musik hat Ohrwurmcharakter. Ich werd wieder reingehn!

Grips-Freak


15632
Positiv überrascht

13.11.2006 - Wow! Großes Musical im kleinen Grips-Theater! Am Schluss etwas zu lang geraten und mit etwas zu wenig Musik, aber alles in allem ein verdammt starkes Stück! - War positiv Überrascht

Jules Fritzen


15611
Geniale Adaption

12.11.2006 - Die "neue Welt" ist heute! Die Musicalversion hat den Roman genial in die Gegenwart geholt!
Muss man sehen!

Felix A.


15597
Ein Somastischer Abend

10.11.2006 - Ich fands toll. Ein rundum gelungener Abend. Alles was das Genre "Musical" zu bieten hat. Kein typisches Grips Stück, dennoch ein Muß.

HaLu


15532
Ein spannender Abend

06.11.2006 - Zu meinem Vorgänger: Eine Wertung abzugeben, ohne das Stück gesehen zu haben, ist ein wenig merkwürdig.

Ich habe die zweite Vorstellung gesehen und war angenehm überrascht: "Schöne Neue Welt" als kabarettistisches Musical, dass so etwas funktionieren kann, hätte ich mir vorher nicht träumen lassen. Die Liedtexte Volker Ludwigs sind wie immer witzig, treffend und verspielt, die Musik von Achim Gieseler (und Thomas Zaufke, wie man gut versteckt im Programmheft findet!) manchmal toll, aber nicht immer auf Augenhöhe mit den Songtexten, das Buch (ebenfalls Ludwig) allerdings fällt stark ab. Der Grips-Altmeister sollte darüber nachdenken, dass seine Stärken in kabarettistischen Szenen und Songs liegen, er aber nicht der Mann für eine interessante und zwingende Dramaturgie ist.

Optisch, finde ich, ist das Stück eine Augenweide - Kostüme und Bühne überraschen mit Zitaten, die unerwartet, aber überzeugend herüberkommen (die Deltas und Epsilons tragen doch tatsächlich Stoff, den man sonst von der Sitzbespannung der BVG kennt, hihi!). Matthias Davids überzeugt mit starker Personenregie und einem Füllhorn an Ideen für den Alltag in der Schönen Neuen Welt, seien es die merkwürdigen Begrüßungszeremonien (Berührungen der primären Geschlechtsmerkmale, um es mal rein biologisch auszudrücken) oder die ritualisierten "Mit Soma ins Koma"-Gebräuche. Vielleicht hätte er Ludwigs Vorlage etwas mutiger zusammenstreichen sollen, aber vielleicht lässt sich das ja noch nachholen.

Die Darsteller sind allesamt überzeugend. Herausragend: Christoph Letkowski stattet seine eigentlich recht eindimensionale Rolle des Wilden mit einer puren Emotionalität und unbändigen Energie aus, da verzeiht man ihm (bzw. seiner Figur) sogar die etwas langatmige Rezitation eines allzu bekannten Hesse-Gedichts.

Nr. 690


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