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Biografical

Evita

Was für ein Zirkus!


© Martin Sigmund
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Die Verantwortlichen für die Musical-Sparte des Theaters Pforzheim hatten in den vergangenen Jahren immer wieder ein glückliches Händchen bei der Spielplangestaltung gehabt. Als Wildhorns "Dracula" und Lucy Simons "Doktor Schiwago" zum Beispiel noch als Geheimtipp auf den deutschsprachigen Bühnen galten, wurden sie bereits in Pforzheim gezeigt. In der aktuellen Spielzeit setzt man hier auf einen Klassiker und zeigt "Evita". Aktuell ist der Stoff freilich heute nach wie vor, wird doch die Frage verhandelt: Wie leicht lässt sich ein Volk von populistischen Kräften verführen? Eine Antwort bleibt die Inszenierung leider schuldig, denn sie verführt weder das argentinische Volk auf der Bühne noch die Zuschauer im Publikum.

(Text: Frank Guevara Pérez)

Premiere:11.11.2022
Rezensierte Vorstellung:20.11.2022
Showlänge:150 Minuten (ggf. inkl. Pause)


© Sebastian Seibel
© Sebastian Seibel


Ein Kino, irgendwo in Argentinien am 26. Juli 1952. Über die Leinwand flimmert eine schwülstige Szene. Plötzlich wird der Film gestoppt und nachdem sich der Protest der Kinobesucher gelegt hat, verkündet eine Lautsprecherdurchsage den Tod Eva Peróns, der First Lady und spirituellen Führerin der Nation. Aus der Szene löst sich ein Mann heraus und erzählt von diesem Startpunkt aus Evas kometenhaften Aufstieg von der unehelichen Tochter aus ärmlichen Verhältnissen zur First Lady Argentiniens, die kurz vor ihrer vermutlichen Wahl zur Vize-Präsidentin an Krebs erkrankt und stirbt. In der Pforzheimer Inszenierung verlässt die Handlung in den nächsten zweieinhalb Stunden dieses Kino nicht mehr. So betritt auch Evita bei ihrem ersten Auftritt das Kino als gewöhnliche Besucherin und drängt sich mit ihren Koffern durch die Reihen, um ihren Platz zu finden. Der auf der Bühne nachgestellte Kinosaal mit seinen ansteigenden Sitzreihen ist ebenso dauerhaft Element des Bühnenbilds wie die Leinwand, auf der die gesamte Show über die Handlungsorte anskizziert oder historische Aufnahmen zu sehen sind. Wenn Evita auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ihr "Wein nicht um mich Argentinien" singt, steht sie mit Perón auf dem obersten Punkt der Stuhlreihen des Kinos und das Volk sitzt wie in der Eröffnungsszene wieder an seinen Plätzen und jubelt ihr von dort aus zu. Diese Idee der Darstellung einer immer fortwährenden Inszenierung des Lebens Eva Peróns ist grundsätzlich eine sehr schöne und auch innovative Idee – leider reicht das allerdings nicht aus, um die mannigfachen Versäumnisse der Inszenierung zu kaschieren.

© Martin Sigmund
© Martin Sigmund


Das gesamte Geschehen auf der Bühne wirkt völlig unkoordiniert. Das Ensemble hat oft Mühe, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu sein, weil sie scheinbar ohne festgelegte Wege über die Bühne wuseln. Dadurch laufen sie sich auch oft gegenseitig in die Arme oder sind erkennbar erstaunt darüber, dass ein Requisit ihnen den Weg versperrt und sie abbremsen müssen. Von der Heißblütigkeit und dem Kampfgeist der "Descamisados", dem argentinischen Volk, das so arm ist, dass es nicht mal mehr ein Hemd besitzt, ist in keiner Sekunde etwas zu spüren. Anstatt Ihre Arme nach oben zu reißen, wenn sie bei "Wach auf Argentinien" den Aufstand proben oder ihrem Idol bei "Wein nicht um mich Argentinien" zujubeln, vermittelt das Ensemble im wahrsten Sinne des Wortes eher den Eindruck von japanischen Winkekatzen.

Rettung ist leider auch nicht von der Badischen Philharmonie Pforzheim aus dem Orchestergraben zu erwarten. Die energiegeladene Musik Lloyd Webbers kommt in einem Soundbrei ohne jede Akzentuierung und ohne jeden Drive über die Rampe. Auch die Tontechnik scheint überfordert. Es gelingt ihr nur in Ausnahmefällen, die Mikros des Ensembles an den richtigen Stellen anzustellen, während Gesprächsfetzen von hinter der Bühne immer wieder über die Lautsprecheranlage zu hören sind.

© Martin Sigmund
© Martin Sigmund


Obwohl es keinen Beleg für ein Aufeinandertreffen zwischen Eva Perón und dem ebenfalls in Argentinien geborenen, später dann aber nach Kuba ausgewanderten Freiheitskämpfer gibt, hat Tim Rice in seinem Buch zu Evita die Figur des Erzählers der Geschichte eindeutig als Che Guevara gezeichnet. Damit schuf Rice einen Gegenspieler Evitas, der aus gegensätzlicher politischer Perspektive ihr Handeln stets kritisch und an vielen Stellen sehr zynisch kommentiert. In der Pforzheimer Inszenierung hat sich Regisseur Oliver Pauli von dieser Personenzeichnung verabschiedet. Sein Che ist nicht mehr Revolutionär, trägt weder Militärkleidung noch die beinahe schon ikonische Mütze, sondern Hemd und Weste und wird damit zum typischen Jedermann. In den moderneren Inszenierungen Evitas wird dieser Ansatz immer wieder gewählt, nicht zuletzt im letzten Broadway-Revival oder auch in der Inszenierung der Vereinigten Bühnen Wien. Was Pauli aber verpasst, ist seinem Che Auftritte zu ermöglichen, die ihn trotzdem als Gegenspieler positionieren. Ingo Wagner, der in der besuchten Vorstellung als einer der beiden alternierenden Besetzungen für diese Rolle auf der Bühne stand, gibt Che völlig passiv, ja nicht mal resigniert von dem, was in seinem Heimatland schiefläuft. Wagners Che singt den Part ordentlich, wird aber von der Inszenierung zum bloßen Stichwortgeber degradiert und bleibt so blass, dass er letztendlich eher sogar ein Niemand als ein Jedermann ist.

© Martin Sigmund
© Martin Sigmund


Eva Perón war es zeitlebens wichtig, sich immer als die Frau hinter Perón darzustellen. Perón selbst war ein durchaus charismatischer Führer, dem es sogar gelang, auch nach seinem Sturz die Geschicke Argentiniens aus dem Exil in Spanien heraus mitzubestimmen. Philipp Werner, der ebenfalls alternierend die Rolle übernimmt, ist deutlich eher im Opernfach als im Musical zuhause. Sein Perón ist eher steifer Opernbariton als machthungriger, strategisch denkender Diktator, der seine Anhänger hinter sich scharrt und seine Gegner verschwinden lässt. Zwischen ihm und Eva entsteht keinerlei Verbindung. Wenn Eva ihn bei "Verlass mich nicht", welches als "You Must Love Me" erst für die Filmversion des Musicals dazukam, anfleht trotz Krankheit bei ihr zu bleiben, stolziert er völlig teilnahmslos um sie herum.

© Martin Sigmund
© Martin Sigmund


Glaubt man dem alten Theatersprichwort, dass den König immer die anderen spielen, muss es für Femke Soetenga enorm schwierig sein, bei dieser Inszenierung in der Titelrolle auf der Bühne zu stehen. Und tatsächlich ist ihre Evita eine der schwächsten Darstellungen in ihrem Rollenrepertoire. Als Mrs. Danvers konnte sie in "Rebecca" beweisen, dass sie charismatische Rollen kann, als Mina in der Pforzheimer Inszenierung von "Dracula", dass sie den Wandel einer Person innerhalb eines Stückes mühelos meistert. Ihre Eva erlebt im Stück jedoch leider keinerlei Wandlung. Sie wirkt sowohl zu Beginn des Stücks als auch im gesamten Verlauf wie eine dauerlächelnde Mary Poppins. Keine Spur von Durchtriebenheit oder Hinterlist. Sie serviert Peróns Geliebte mit dem gleichen Gesichtsausdruck ab, wie sie mit den politischen Gegnern umgeht oder die bettelarme argentinische Bevölkerung mit Spendengeldern versorgt. Stimmlich ist sie am besuchten Vorstellungsabend ebenfalls offenbar nicht ganz auf der Höhe. Beim ohnehin schon im Tempo reduzierten "Buenos Aires" ringt sie merklich – und leider auch durchs Mikrofon deutlich hörbar – nach Luft.

© Martin Sigmund
© Martin Sigmund


"Evita" endet in Pforzheim wieder im Kinosaal in dem Eva in der Mitte des Publikums sitzt und über ihr Leben resümiert. Ganz im Stil eines alten Films werden dann auf der Leinwand der Text auf Spanisch eingeblendet, den Che auf Deutsch aus dem Off spricht: Dass man ein Monument für Evita baute, von dem allerdings nur noch der Sockel fertiggestellt wurde, während Evas Leiche außer Landes gebracht und für siebzehn Jahre verschwunden blieb. Dem Publikum wird mit diesem letzten Bild vielleicht schmerzlich bewusst, welche Chancen in dieser Inszenierung verpasst wurden, eine moderne und zeitgemäße Parabel auf die heutige Zeit zu erzählen.

(Text: Frank Guevara Pérez)



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Kreativteam

Musikalische LeitungPhilipp Haag
InszenierungOliver Pauli
AusstattungEsther Bätschmann
ChoreografieGuido Markowitz


Besetzung

Eva PerónFemke Soetenga
CheSantiago Bürgi
Ingo Wagner
Juan PerónPaul Jadach
Philipp Werner
Augustín MagaldiBenjamin Savoie
Juan Peróns GeliebteJoana Lissai
Helena Wegner
AdmiralSteffen Fichtner
Lothar Helm
Eva Peróns BruderKarel Pajer
Ingo Wagner
Eva Peróns zwei SchwesternMari-Kristin Fichtner
Do-Yeon Kim
Chiharu Takahashi
Manuela Wagner
Tanz Theater Pforzheim

Chor des Theaters Pforzheim

Badische Philharmonie Pforzheim





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Ausstattung

In der langatmig und bleiern schweren Inszenierung des Theaters Pforzheim verkümmert das heißblütig aufgebrachte argentinische Volk zum Gefangenenchor aus "Nabucco" und Evitas Stern verglüht, noch bevor er überhaupt eine Chance hatte, zu erstrahlen. Überaus schade, denn es wäre alles da gewesen, was es für eine interessante Inszenierung braucht: eine innovative Inszenierungsidee, ein großes Orchester und eine taffe Leading Lady.

21.11.2022

 Termine
Mi30.11.20:00 Uhr
Fr09.12.19:30 Uhr
Do15.12.20:00 Uhr
Mi21.12.20:00 Uhr
Fr30.12.19:30 Uhr
Sa31.12.19:30 Uhr
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Sa18.02.2319:30 Uhr
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