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Drama

Chess

Kalter Krieg auch neben dem Schachbrett


© Heiko Sandelmann
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Für einen rundum gelungenen Musical-Abend muss man nicht in Musical-Metropolen wie Hamburg oder Stuttgart reisen und als Normalverdiener länger sparen, um sich die dort oft unverschämt hohen Ticketpreise leisten zu können. Oft lohnt auch der Besuch eines kommunalfinanzierten Theaters um die Ecke. Ein gutes Beispiel dafür ist die aktuelle Produktion von "Chess" am Stadttheater Bremerhaven, in der einfach alles stimmt: von der Inszenierung, über die Ausstattung bis hin zum Cast, in dem gute hauseigene Kräfte durch namhafte Musicaldarsteller ergänzt werden.

(Text: kw)

Premiere:30.10.2021
Rezensierte Vorstellung:30.10.2021
Showlänge:165 Minuten (ggf. inkl. Pause)


Ost gegen West, Kapitalismus versus Kommunismus. Mitten in Europa tobt der Kalte Krieg und jedes der politischen Systeme versucht, auch abseits vom atomaren Säbelgerassel die Oberhand zu erlangen. Auf den ersten Blick nicht gerade ein geeignetes Thema für ein Musical, doch Autor Tim Rice erkannte das Potenzial. Er nahm den Zweikampf zwischen den beiden Schachgroßmeistern Boris Spasski (UdSSR) und Bobby Fischer (USA) um den Weltmeistertitel 1972 als Inspiration und schrieb ein fiktives Bühnendrama, in dem die zwischen dem Amerikaner Frederick Trumper und dem Russen Anatoly Sergievsky stehende Exil-Ungarin Florence Vassy zum Bauernopfer der Systeme wird. Benny Andersson und Björn Ulvaeus, besser bekannt als die beiden Bs der schwedischen Pop-Legende Abba, komponierten dazu eine symphonische Pop-Partitur mit wuchtigen Oratorien-Chorsätzen, volkstümelnden Weisen, schmachtenden Balladen und hymnischen Musicalsongs. Weltruhm errangen 1984/85 die beiden Chartstürmer "I Know Him so Well" und "One Night in Bangkok".

© Heiko Sandelmann
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Trotz dieser beiden Hits und weiterer musikalischer Perlen ist das Musical "Chess" ein seltener Gast auf den Bühnen im deutschsprachigen Raum. Das liegt vor allem an dem Buch, das trotz mehrerer Überarbeitungen weiterhin etwas sperrig daherkommt und besonders im zweiten Akt mit einem bitteren Hauruck-Ende schwächelt. Da bedarf es schon eines guten Regisseurs, der das richtige Timing findet und die spannende Story stringent und ohne verwirrende inszenatorische Mätzchen erzählt. Diese hohe Kunst beherrscht Andreas Gergen zweifellos, dessen ursprünglich für das Mecklenburgische Staatstheater konzipierte Inszenierung nach nur sieben Vorstellungen in Schwerin pandemiebedingt eingemottet werden musste. Es ist ein wahrer Glücksfall, dass sie nun am Stadttheater Bremerhaven unter der Spielleitung von Till Nau erneut auf die Bühne kommt.

© Heiko Sandelmann
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Andreas Gergen schafft es, das Publikum bei hohem Erzähltempo und mit einer faszinierenden Personencharakterisierung und -führung zu fesseln. Die Massenszenen gleichen einem Blick in ein Wimmelbilderbuch, in denen alle Personen eine Funktion haben und nicht nur bloß herumstehen. So werden zum Beispiel im revuehaft gestalteten Beginn des ersten Aktes für den Empfang der Schachspiel-Kontrahenten in Meran ein roter Teppich ausgerollt, Fahnen und Banner geschwenkt und zum Spiel einer Blaskapelle wird geschuhplattelt. Der zweite Akt startet mit Bangkoks grellem Rotlichtmilieu, in dem Drogendealer, Hütchenspieler, Nutten und Ladyboys um Kundschaft buhlen.

© Heiko Sandelmann
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Diese beiden bunt-realistischen Bilder umrahmen eine sehr abstrahierte, auf das Schicksal der Protagonisten fokussierte Inszenierung. Im zeitlos-schlichten Kostümbild von Conny Lüders dominiert die Farbe Schwarz. Daraus hervor sticht der schneeweiße Anzug des Schiedsrichters, dessen Outfit ihn wie einen über allem wachenden Schach-Gott wirken lässt und auch optisch Aussagen wie "Das Spiel ist größer als seine Spieler" unterstreicht. Die spirituelle Betonung der Figur wird im thailändischen Tempel fortgesetzt, in dem der Schiedsrichter die Position eines sitzenden Buddhas einnimmt und von Chor-Herren in anderen religiösen Posen flankiert wird.

© Heiko Sandelmann
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Das abstrakte Konzept setzt sich im Bühnenbild fort. Inspiriert von den Feldern eines Schachbretts, türmt Momme Heinrichs (fettFilm) unzählige Quader in verschiedenen Grautönen zu einem Treppenpodium aufeinander. Wenn diese, am äußeren Ende der Drehbühne postierte Konstruktion mit ihrer höheren Rückseite frontal zum Publikum postiert wird, entsteht durch eine weitere, von oben einschwebende Klötzchen-Formation eine geschlossene Wand. Diese Wand, vier hängende, schmale Gaze-Streifen an den Seiten sowie die Bühnenrückfront dienen als Projektionsfläche für die ebenfalls von Momme Heinrichs stammenden Video-Animationen, die Handlungsorte und Songtexte illustrieren. So werden zum Beispiel zu "Lass uns über Schach reden" Bilder und Namen bekannter Schachspieler eingeblendet

© Heiko Sandelmann
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In seiner Funktion als Choreograf lässt Till Nau eine erstaunlich vielfältige Palette an unterschiedlichsten Stilen tanzen, die die Ballettcompagnie des Hauses quasi im Dauereinsatz bravourös meistert. Die acht Damen und Herren glänzen sowohl in Modern Dance und Showtanz als auch mit akrobatischen und klassischen Elementen. Bei den Schachpartien kommentieren sie als in Lack gewandete schwarze Spielfiguren mit Hebefiguren und Sprüngen die Spielzüge.

Ein Pfund, mit dem die Aufführung wuchern kann, ist das im Graben sitzende Philharmonische Orchester Bremerhaven. Unter der Leitung von Davide Perniceni sind die Musiker pointiert spielende, aufmerksame Begleiter, die auch im ungewohnten Terrain der poppigeren Passagen die abwechslungsreiche Partitur zum Funkeln bringen. Dabei übertönen sie nie den Gesang auf der Bühne, können aber, wie beispielsweise beim sinfonisch anmutenden Intro zu "Tauch ein in Bangkok", auch so richtig aufdrehen. Der hauseigene, in dieser Inszenierung besonders bewegungsintensiv eingesetzte Opernchor fühlt sich in den alles andere als nach Pop-Musical klingenden, choralartigen Songs hörbar wohl und begeistert mit seiner Spielfreude. Als ergänzender Popchor stehen Sydney Gabbard, Carmen Danen und Konstantin Busack auf der Bühne und spielen daneben mehrere kleine, stumme Rollen. Die Damen singen zudem eine kurze urkomische "Money, Money, Money"-Sequenz, mit dem augenzwinkernd an das wichtigste musikalische Projekt der Komponisten erinnert wird.

Aus dem hauseigenen Musiktheater-Ensemble sind die Rollen der beiden Delegationsleiter, des Schiedsrichters und der Ehefrau des nach seiner Flucht in den Westen staatenlos gewordenen Schach-Champions aus der UdSSR besetzt. Mit seinem tiefschwarzen Bass und einer stattlichen Erscheinung ist Ulrich Burdack ein finsterer russischer Politfunktionär, der auch vor den fiesesten Winkelzügen nicht zurückschreckt. Rollendeckend poltert er in "Die russische Maschine" und vermittelt gemeinsam mit den Chorsängern die russische Seele in folkloristischen Passagen mit ganz
viel Wodka. In der Rolle des intriganten amerikanischen Delegationsleiters singt Bariton Marcin
Hutek kurioserweise mit einem leichten, osteuropäischen Akzent. Das ist allerdings zu verschmerzen,
da er seine klassisch geschulte Stimme für das Musical-Genre etwas zurücknimmt.

© Heiko Sandelmann
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Die sehr dankbare Rolle des Schiedsrichters ist bei Mackenzie Gallinger nicht nur in seinem großen
Solo "Der Referee" stimmlich bestens aufgehoben. Auch darstellerisch überzeugt der Sänger als
Bewahrer des Schachspiels. Ihren ebenfalls klassisch geschulten Mezzosopran nimmt auch Patrizia
Häusermann als Ehefrau Svetlana dezent zurück und ist im Duett "Ich kenn ihn so gut" weit mehr als
nur eine zweite Stimme.

© Heiko Sandelmann
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Mit seinen blonden Locken und einer jugendlichen Ausstrahlung ist Tobias Bieri schon rein optisch eine gute Besetzung als amerikanischer Schach-Champion Frederick Trumper. Im ersten Akt gibt er die Figur als egozentrischen, egoistischen Heißsporn, der regelmäßig ausrastet. Nachdem sich seine Geliebte von ihm getrennt hat, offenbart er im tragischen Song "Sei nie ein Kind" seine schwere Kindheit als wahren Grund für seine Gier nach Erfolg und Anerkennung. Bieri zeigt hier seine wahre Klasse als Darsteller und liefert mit seinem schönen Poptenor einen der musikalischen Höhepunkte des Abends. Selbstverständlich trumpft er direkt nach der Pause auch beim Showstopper "Tauch ein in Bangkok" auf.

© Heiko Sandelmann
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Bereits in der Schweriner Aufführungsserie waren Femke Soetenga als Florence Vassy und Marc Clearals Anatoly Sergievsky zu sehen und zu hören. Soetenga legt ihre Rolle als Fredericks Assistentin und Geliebte sehr selbstbewusst an, wird aber im Laufe der tragischen Geschichte immer zerbrechlicher und muss sich im Epilog verbittet eingestehen, dass sie vor den Scherben ihres Lebens steht. Clear ist ein zunächst kühler Stratege, der allerdings mit der Flucht in den Westen den Machenschaften des Geheimdienstes seiner Heimat zum Opfer fällt und reumütig in die Sowjetunion zu seiner Familie zurückkehrt. Soetenga und Clear harmonieren stimmlich perfekt im Duett "Du und ich" und beweisen nicht nur dort, dass sie zur Top-Liga der deutschsprachigen Musicaldarsteller gehören.

Auch wenn "Chess" keine leicht verdauliche Musical-Kost bietet und vielleicht manchen Stamm-Abonnenten des Stadttheaters verstören wird, ist dem Stück eine erfolgreiche Spielserie zu wünschen. Diese Inszenierung hat es mehr als verdient!

(Text: Kai Wulfes)



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Verwandte Themen:
Produktion: Chess - The Musical (Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin)



Kreativteam

Musical von Benny Andersson und Björn Ulvaeusrn

Liedtexte von Tim Ricern

Basierend auf einer Idee von Tim Ricer

Neue deutsche Textfassung von Kevin Schroeder

Musikalische LeitungDavide Perniceni
InszenierungAndreas Gergen
Bühnenbild, VideoMomme Hinrichs
(fettFilm)
KostümeConny Lüders
Spielleitung, ChoreografieTill Nau


Besetzung

Frederick Trumper, amerikanischer GroßmeisterTobias Bieri
Florence Vassy, Fredericks GeliebteFemke Soetenga
Anatoly Sergievsky, russischer GroßmeisterMarc Clear
Walter de Courcey, Chef der amerikanischen DelegationMarcin Hutek
(Cornelius Lewenberg)

Alexander Molokow, Chef der russischen DelegationUlrich Burdack
SchiedsrichterMackenzie Gallinger
(Benjamin-Edouard Savoie)

Svetlana Serievskaja, Antaloys FrauPatrizia Häusermann
(Carmen Danen)

PopchorSydney Gabbard
Carmen Danen
Konstantin Busack
Ballettcompagnie des Stadttheaters Bremerhaven

Opernchor des Stadttheaters Bremerhaven

Philharmonisches Orchester Bremerhaven





Produktionsgalerie (weitere Bilder)

© Heiko Sandelmann
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Zuschauer-Rezensionen

Die hier wiedergegebenen Bewertungen sind Meinungen einzelner Zuschauer und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der Musicalzentrale.


2 Zuschauer haben eine Wertung abgegeben:


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Wer hörens- und sehenswertes Musiktheater erleben möchte, der MUSS nach Bremerhaven...!

29.01.2022 - Bei der Schachweltmeisterschaft in Merano kämpft der amtierende Weltmeister der Amerikaner Frederick Trumper gegen den Russen Anatoly Sergievsky um die Schachkrone. Begleitet wird Trumper von seiner Managerin und Partnerin Florence Vassy, die im Budapester Aufstand von 1956 ihren Vater verloren und so ein ambivalentes Verhältnis zum russischen Regime hat. Trotzdem kommen sie und Sergievsky sich näher, als sie versucht – nachdem Trumper das Turnier wütend verlassen und somit einen Skandal ausgelöst hat – die Wogen zu glätten. Am nächsten Tag wird das Turnier unter dem strengen Blick des Schiedsrichters fortgesetzt, aus dem Anatoly Sergievsky als Sieger hervorgeht. Trotz strengster Überwachung durch Alexander Molokow, dem Chef der russischen Delegation, kann er die Gunst der Stunde nutzen und in den Westen überlaufen, um dort mit Vassy zu leben. Ein Jahr später muss Sergievsky sich in Bangkok einem neuen sowjetischen Herausforderer stellen. Dabei trifft er zwangsläufig auf bekannte Gesichter. Trumper arbeitet mittlerweile als TV-Kommentator, der ihn während eines Interviews mit provakanten Fragen aus der Reserve lockt. Auch Molokov ist vor Ort und scheut keine Mittel, um Anatoly Sergievsky zu einer Niederlage zu bewegen. Dabei manipuliert er hemmungslos die Mitmenschen, als würde er Schachfiguren über ein Spielfeld schieben. So lockt er Vassy mit dem Versprechen, ihren verschollenen Vater wiederzusehen, und lässt Sergievskys Ehefrau Svetlana nach Bangkok einfliegen, um sie und die gemeinsamen Kinder als Druckmittel einzusetzen. Anatoly Sergievsky trifft seine Entscheidungen: Er gewinnt abermals das Turnier, verlässt aber Vassy, um mit seiner Frau nach Russland zurückzukehren.

Nobody’s Side, Pity The Child, Heaven Help My Heard, Anthem, Someone Else’s Story, I Know Hím So Well und natürlich das vielleicht bekannteste Stück One Night in Bangkok, dazu grandiose Chorpartien wie Merano und Hymn To Chess: An der exzellenten Musik lag es nie, warum dieses Musical eher selten gespielt wurde. Vielmehr lag das „Problem“ eher im etwas sperrigen Buch begründet, in dem manche Handlungsstränge unmotiviert und die Beweggründe der Personen wenig nachvollziehbar schienen. Doch Benny Andersson und Björn Ulvaeus waren sich nie zu schade, auf ihre Werke einen kritischen Blick zu werfen, um sie dann nochmals zu überarbeiten. So machte auch CHESS einige Veränderungen durch: Songs wurden umgestellt, flogen komplett aus der Show, oder wurden neu hinzugefügt. Die Handlung wurde gestrafft, und statt den Schwerpunkt auf die Politik-Parabel mit Ost-West-Konflikt zu belassen, lenkten sie den Fokus mehr auf die (zwischen)menschlichen Komponenten. Alle diese Maßnahmen haben dem Werk durchaus gutgetan, trotzdem bedarf es ein schlüssiges Regie-Konzept, um CHESS aus dem anfänglichen Korsett eines Konzept-Albums zu lösen.

Unter der neuen Intendanz von Lars Tietje gönnt sich das Stadttheater Bremerhaven genau diesen „Luxus“ und geht eine Kooperation mit dem Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin ein, wo diese Inszenierung in der letzten Spielzeit Premiere hatte und leider nach nur wenigen Vorstellungen dem Lockdown zum Opfer fiel. „Never change a winning team!“ wird sich Tietje vielleicht gedacht haben und lockte gemeinsam mit dem Produktions-Team auch zwei der Hauptdarsteller in die Seestadt an der Weser. Musical-Magier Andreas Gergen schafft mit seinem Team ein so stimmiges Konzept, bei dem die einzelnen Teile aus Regie, Choreografie, Bühne, Kostüme und Video-Projektionen zusammen mit den heimischen Kräften nahtlos ineinander übergehen und so ein perfektes Ganzes bilden. Dabei liefert Gergen dem Publikum durchaus die große Show, setzt aber ebenso wichtige Akzente im Schauspiel: Durch kleine Gesten oder nur einem Blick bis zum großen dramatischen Ausbruch wird so das Handeln der Protagonist*innen für die Zuschauer nachvollziehbar gemacht. Dies gelingt natürlich nur, da ihm talentierte Darsteller*innen zur Verfügung stehen.

Femke Soetenga (Florence Vassy) und Marc Clear (Anatoly Sergievsky) wiederholen ihre Parts aus Schwerin und sind ein eingespieltes Team ohne routiniert zu wirken. Soetenga gestaltet ihren Part zwischen Selbstbewusstsein und Selbstzweifel sehr geschmackvoll. Glücklicherweise hat sie viel zu singen, so kamen wir oft in den Genuss, ihrer wunderschönen Stimme lauschen zu dürfen. Marc Clears Sergievsky ist alles andere als der unterkühlte Stratege. Vielmehr porträtiert er Sergievsky als mitfühlenden Charakter mit einer empfindsamen russischen Seele, was er auch gesanglich famos auszudrücken versteht. Tobias Bieri gibt den Frederick Trumper mit überheblicher Arroganz – ein Jungspund, der unter der scheinbar makellosen Oberfläche seine Narben verbirgt: Bei Pity The Child sorgt er mit seiner fulminanten Pop-Stimme für Gänsehaut.

Sowohl optisch wie auch stimmlich scheint Ulrich Burdack der Vorzeige-Molokow zu sein. Er strahlt – trotz scheinbar äußerer Ruhe – eine enorme Gefährlichkeit aus. Zudem verfügt er über einen vollen, flexiblen Bass, den er mal voluminös, mal verführerisch-lockend zum Klingen bringt. Patrizia Häusermann (Svetlana) gelingt das Kunststück, eine Nebenrolle durch Spiel und Gesang aufzuwerten. Sie harmoniert ganz wunderbar mit Soetenga bei I Know Hím So Well. Mit Someone Else’s Story zeigt sie ihr Können als klassisch-geschulte Liedsängerin und kann mit ihrer sensiblen Interpretation berühren. Svetlana ist für mich in diesem Musical die einzig wahre tragische Figur, da ihr eine Wahlmöglichkeit verwehrt bleibt: Alle anderen Protagonist*innen können für sich selbst entscheiden. Sie ist – vom Ehemann im Stich gelassen – einem Regime ausgeliefert, das droht, ihr die Kinder zu nehmen. Häusermann lässt mit nuanciertem Spiel ihre Rolle mit Würde trauern, ohne eine innere Stärke vermissen zu lassen.

Da wir nun schon zum zweiten Mal diesem musikalischen Schachturnier beiwohnten, hatten wir das Glück, zwei unterschiedliche Sänger in der Rolle des Schiedsrichters sehen zu dürfen. Während MacKenzie Gallinger (19.11.) eher der ruhende Pol im Spiel war, der beständig die Fäden in der Hand behielt, gestaltete Benjamin-Edouard Savoie (23.01.) den Part deutlich exaltierter und amüsierte mit beinah „monk“schen Allüren.

CHESS braucht einen voluminösen Chor! CHESS bekommt ihn: Unter der versierten Leitung von Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernandez bringen die Damen und Herren die Hymnen überwältigend zu Gehör und gefallen ebenso in mancher kleinen Nebenrolle. Unterstützung erhalten die Solisten zusätzlich durch ein variables Pop-Trio, das sie in ihren Solis stimmstark begleitet. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Davide Perniceni bzw. Tonio Shiga musiziert absolut auf dem Punkt und meistert gekonnt den Spagat zwischen Pop, Rock und Symphonie. Apropos Spagat: Das ich ein Fan der Ballettcompagnie des Stadttheaters Bremerhavens bin, habe ich schon mehrfach betont, und auch in diesem Fall wurde ich nicht enttäuscht: Ob als kecke Trachtengruppe, als lebensgroße Schachfiguren oder als Bangkoks Liebesdiener*innen – die Tänzer*innen beherrschen ihre Kunst zwischen Sinnlichkeit, Ästhetik und Athletik perfekt.

Wer großartiges Musik-Theater abseits der großen Metropolen sehen möchte, der MUSS sich auf den Weg nach Bremerhaven machen!

Henry Higgins (9 Bewertungen, ∅ 4.3 Sterne)


32252
Überragende Cast

16.01.2022 - Wir hatten das Glück das Stück am 15.01. trotz hoher Inzidenzen mit ausverkauftem Haus zu sehen. Pandemiebedingt fielen gleich drei Nebenrollendarsteller aus, die allerdings brilliant aufgeteilt bzw. vom Haustenor aus dem Off eingesungen wurden, während der Regieassistent selber spielte. Hätte man uns das nicht vorher gesagt, wäre es keinem aufgefallen, so gut eingespielt war die gesamte Cast.

Bieri, Soetenga und Clear brillierten als Protagnisten mit absolut genialer Chemie. Burdarck und Gallinger waren erstaunlich gut in ihren Szenen; das hatten wir absolut nicht erwartet. Ebenso überzeugte Hutek mit wunderschöner, warmer Stimme. Sogar sein Akzent wurde mit beiläufigem Kommentar, dass sein Charakter Überläufer sei, schlau erklärt. Auch die weiblichen Mitglieder des Popchors waren unerwartet gut und harmonierten wunderbar mit den Stimmen der Protagonisten. Einzig Häusermann passte nicht recht hinein in den Klang.

Abgesehen von den Soli, überraschte uns auch der Opernchor. Nachdem wir schon einige Bremerhavener Musicals gesehen haben, hatten wir uns schon darauf eingestellt, dass die Chorpassagen wieder unverständlich und statisch werden würden. Das Gegenteil war der Fall. Selbst im schnellen Sprechgesang war nahezu der gesamte Text deutlich. Auch die Stimmen der Sänger:innen waren wunderbar mobil und nicht, wie etwa bei Dracula, die ganze Zeit etwas zu langsam und unpassend. Wirklich erstaunlich.

Das minimalistische Bühnenbild sorgte dafür, dass man sich sehr viel mehr auf die Beziehungen zwischen den Protagonisten konzentrierte als das Drumherum. Auch die Tänzer wirkten eher wie eine Extension des Bühnenbilds als eigene Elemente. Wirklich toll gelöst! Das Orchester rundete mit seinem homogene Klang den Abend ab.

Es ist wirklich zu hoffen, dass die anderen Termine auch noch stattfinden können. Dass man Chess live, vor allem im Nordwesten, und in dieser Qualität mit großen Namen wie Clear oder Soetenga sehen kann, ist ja doch eher sehr selten. Es lohnt sich tatsächlich und das Theater beweist, dass man auch zu humanen Preisen tolle Produktionen ableisten kann.

Cordeliade (2 Bewertungen, ∅ 3.5 Sterne)


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 Theater / Veranstalter
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+ 49 471 49001
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Handlung
Schach und der kalte Krieg: Ein russischer und ein amerikanischer Schachspieler treten bei einer Schach-WM gegeneinander an. mehr

Weitere Infos
Für die Aufführung 2002 in Stockholm wurde das Buch erneut überarbeitet (von Lars Rudolfsson und Jan Mark). Die Handlung spielt nun komplett binnen einer Woche in Meran, die Figur der Svetlana wird bereits in der ersten Szene eingeführt und der Russe und der Amerikaner treffen in der entscheidenden Partie aufeinander (im Original war der Amerikaner bei der finalen Partie nur als Berichterstatter dabei). Diese Version wurde in Deutschland im Sommer 2012 bei den Domfestspielen Bad Gandersheim gezeigt.

 Kurzbewertung [ i ]
(kw)

Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Andreas Gergen inszeniert ganz großes Drama in einem stilisierten Quader-Bühnenbild (Momme Hinrichs). Femke Soetenga, Tobias Bieri und Marc Clear - was für ein grandioser Cast in den drei Hauptrollen!

30.10.2021

 Termine
Mi08.06.19:30 Uhr
Großes Haus (Bremerhaven)


© musicalzentrale 2022. Alle Angaben ohne Gewähr.

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