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Hollywood-Drama

Sunset Boulevard

Träume aus Licht


© Christian Husar
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Andreas Gergen inszeniert "Sunset Boulevard" in einer Mischung aus realen Bühnenteilen und filmischen Projektionen auf drei Ebenen und macht damit die immer wieder besungenen "Träume aus Licht" buchstäblich erlebbar. Zusammen mit der in den meisten Rollen großartigen Besetzung sowie einem Orchester, das so groß ist, dass die Blechbläser sogar auf die Proszeniumslogen ausquartiert werden müssen, wird dem Zuschauer der Eindruck vermittelt, inmitten einem der wohl größten Hollywood-Filme zu sitzen.

(Text: Frank Guevara Pérez)

Premiere:08.07.2022
Rezensierte Vorstellung:08.07.2022
Dernière:25.08.2022
Showlänge:160 Minuten (ggf. inkl. Pause)


© Christian Husar
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Dass die Musicalwelt heute von Andrew Lloyd Webbers "Sunset Boulevard" spricht, ist nicht so selbstverständlich. Die Rechte an einer Musicalfassung des Hollywood-Klassikers von Billy Wilder lagen nämlich bei keinem Geringeren als bei Stephen Sondheim und dieser war nicht einfach zu überzeugen, diese abzugeben. Vom Erfolg der Fassung von Andrew Lloyd Webber zeugen sieben Tony Awards und Inszenierungen am Londoner West End, am Broadway, in Kanada und Australien. Auch im deutschsprachigen Raum fand Sunset Boulevard schnell seinen Weg und hatte bereits im Jahr 1995 seine Premiere im hessischen Niedernhausen. Nach einer Spielzeit mit knapp eintausend Vorstellungen ging damals im eigens für diese Show gebaute Rhein-Main-Theater bereits wieder das Licht aus. Auch um "Sunset Boulevard" selbst wurde es lange Zeit still im deutschsprachigen Raum. Erst seit Andrew Lloyd Webber die Lizenz zu einer freien Inszenierung freigegeben hat, wagen sich immer mehr Stadttheater an dieses nicht ganz einfach zu inszenierende Stück. Auf der einen Seite braucht es nämlich ein großes sing- und tanzfreudiges Ensemble, dass den Swing der 1940iger Jahre über die Bühne bringt und auf der anderen Seite einen nicht mehr ganz jungen Star für die Besetzung der Hauptrolle der Norma Desmond. Im Stadttheater Baden darf jetzt Maya Hakvoort als Norma von ihrer Rückkehr auf die große Leinwand träumen. Für Hakvoort nicht die erste "Sunset"-Erfahrung: Zuletzt hatte sie die Rolle in der Inszenierung der Vereinigten Bühnen Bozen und vorher bereits bei den Tecklenburger Freilichtspielen übernommen – dort ebenfalls inszeniert von Andreas Gergen.

© Christian Husar
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Viele von Gergens damaligen Regie-Ideen wie das kleine Tanzensemble lassen sich auch in der aktuellen Inszenierung wiederfinden. Auch in Baden gibt es die immer wieder erscheinende - allerdings nur für Norma und das Publikum sichtbare - Tänzerin der Salome. Ausgebaut wurde hingegen der Part der männlichen Tänzer. Waren sie in Tecklenburg nur die Begleitung für Salome, sind sie jetzt bei beinahe jedem Auftritt Normas in der Villa dabei und schaffen damit einige bezaubernde Momente: So zum Beispiel, wenn Norma die Bühne verlässt und die vier Tänzer, die eben noch kronleuchterhaltende Treppenstatuen waren, ihr plötzlich folgen und den Abgang so zu einer Art Prozession machen oder wenn sie mit stummfilmtypischen Gesten des Entsetzens Normas Selbstmordversuch am Silvesterabend beobachten.

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Auch beim Bühnenbild lassen sich Elemente aus Tecklenburg wiedererkennen. Dominantestes Bühnenelement ist die riesige Treppe, die sich in Baden über die gesamte Bühnenbreite und weit in die Höhe spannt. Die Treppe teilt sich immer wieder in der Mitte und gibt dann den Blick zum Beispiel auf die Paramount Studios oder auf Schwabs Drugstore frei. Zusätzlich kommen sehr klug eingesetzte Projektionen sowohl vor den Stufen als auch im Bühnenhintergrund zum Einsatz. Wenn sich bei "Dann bis bald" die Treppe teilt und gleichzeitig hinten als Projektioneine Kamerafahrt vom Tor der Paramount hinein auf das Studiogelände abgespielt wird ist das geradezu ein Wow-Effekt, bei dem das Gefühl entsteht, in das Bühnenbild hineingezogen zu werden. In einigen Szenen werden die Projektionen im Vorder- und im Hintergrund parallel eingesetzt und es entsteht somit ein Bühnenbild in drei hintereinanderliegenden Schichten. So zum Beispiel in den Szenen vor der Villa bei denen auf den durchsichtigen Vorhang am Bühnenportal die Mauer und das Eingangstor der Villa projiziert werden, in der mittleren Ebene die Treppe hinauf zur Villa steht und die Projektion im Hintergrund die Außenansicht der Villa oberhalb der Treppe darstellen. Bei Szenen innerhalb der Villa dagegen wird mit Hilfe einer Projektion der Eindruck vermittelt, dass die Treppe bis weit über die Bühne hinausreicht. Hier haben die für die Projektionen und Bühnenbild zuständige Andreas Ivancsisc und Christian Floeren ganze Arbeit geleistet.

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Maya Hakvoort zeigt, weshalb sie zu den ganzen großen Darstellerinnen im deutschsprachigen Raum gehört: Ihre Norma ist gleichzeitig manipulativ, herrisch und zutiefst verletzlich. All diese Facetten kann sie bereits bei "Nur ein Blick" zeigen, jedoch ohne in eine Überinterpretation abzurutschen. Sie schafft es, dass das Publikum mit ihr von ihrer großen Rückkehr auf die Leinwand träumt; sich bedroht fühlt, wenn sie mit stechendem Blick und großen Gesten ihre Forderungen diktiert – und mit ihr leidet, wenn sie zusammenbricht als Joe ihr eröffnet, nach der Vollendung des Drehbuchs wieder auszuziehen. Großartig zu beobachten, wie sich das Publikum plötzlich aufrecht hinsetzt, wenn Norma Joe mit den Worten anherrscht: "Ich bin groß! Es sind die Filme, die klein geworden sind!"
Lukas Perman macht seine Sache mit seinem überzeugenden Schauspiel und seiner angenehmen Stimme ebenfalls sehr gut. Sein Joe Gilles wird im Laufe der Handlung immer verzweifelter je mehr er das Gefühl hat, mit Norma in den Abgrund gezogen zu werden. Zwischendurch tritt er immer wieder aus der Handlung, um das Geschehen mit einer Portion Sarkasmus zu kommentieren. Beim Titelsong dann, darf Lukas Perman zeigen, was er drauf hat: Lloyd Webber selbst sagt, dass der Titelsong zu "Sunset Boulevard" wohl der am schwierigsten zu singende Song sei, den er jemals geschrieben habe; Lukas Perman absolviert diese Herausforderung völlig mühe- und makellos.

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Eine wirkliche Entdeckung ist Dorina Garuci als Betty Schaefer. Obwohl die Rolle im Original-Buch eher dünn angelegt ist, schafft Garuci es schauspielerisch, viel aus dem Charakter herauszuholen. Stimmlich ist sie auf den ersten Blick mit ihrer souligen Stimme eine eher ungewöhnliche Besetzung. Doch auch hier überzeugt sie auf ganzer Linie und kann den wenigen Songs der Betty eine ungewohnte Tiefe geben. Ihr gemeinsames Duett mit Lukas Perman "Viel zu sehr" ist eins der Highlights der Show. Unterstützt wird die Wirkung des Songs auch hier wieder sehr schön vom Bühnenbild und der Inszenierung. Zum Anfang des Szene stehen beide jeweils auf einem Teil der noch getrennten Treppe. Zum Höhepunkt des Liedes wird die Treppe wieder zusammengeschoben und das Liebespaar ist vereint.

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Einziger Wermutstropfen bei der Besetzung ist die Rolle des Max. gespielt von dem zum Hausensemble gehörenden Beppo Binder. Er singt gut und kann mit seiner Tenorstimme den stimmlichen Herausforderungen der Rolle gut begegnen. Mehr jedoch leider nicht. Er lässt beinahe jedes Schauspiel vermissen und gerät so zum bloßen Stichwortgeber. Eine der eigentlich dramatischsten Szene im Stück, die auch den Anfang vom Ende einläutet – nämlich wenn Max Joe gesteht, der erste Ehemann Normas gewesen zu sein – verpufft so leider völlig im Nichts.

Eine wahre Freude hingegen ist das Orchester der Bühne Baden, das mit seinen beinahe dreißig Personen für den Orchestergraben zu groß ist, so dass die Blechbläser auf die Proszeniumslogen ausquartiert werden müssen. Die satte instrumentelle Begleitung verleiht der gesamten Produktion eine besondere Opulenz, schafft es aber auch in den leisen Passagen, die Sänger auf der Bühne nicht zu übertönen. Insgesamt ist die Abmischung zwischen Orchester und Sängern auf der Bühne gelungen, was zu einer sehr guten Textverständlichkeit der von Michael Kunze übersetzten Originaltexte beiträgt. Wie jüngst bei der konzertanten "Elisabeth"-Version vor dem Schloss Schönbrunn hat man auch bei "Sunset Boulevard" Änderungen in der Übersetzung zugunsten einer politisch korrekten Sprache vorgenommen: Wenn Joe Betty die Regeln für ein gelungenes Drehbuch diktiert, lautet eine der Regeln nicht mehr "Ein Schwarzer darf nicht in ein Restaurant". Wenn diese Textzeile im Kontext der Zeit der Handlung gesehen wird, ist dieser Satz sicherlich nicht verwerflich zu verstehen, sondern eher als Kommentar auf den Rassismus des 'alten' Hollywoods. Die Bewertung, ob eine solche Änderung heutzutage notwendig ist oder nicht, sei jedem selbst überlassen.

© Christian Husar
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Mit "Sunset Boulevard" hat das Stadttheater Baden wohl einer der opulentesten und aufwändigsten Inszenierungen seit der Original-Inszenierung auf die Bühne gebracht. Ein Aufwand, der sich mehr als gelohnt hat. Das sich immer wiederholende Mantra von Norma und Max "Wir schenkten der Welt Träume aus Licht; jeder Mensch braucht Träume aus Licht" sollte sich das Stadttheater Baden auf die Plakate zu "Sunset Boulevard" drucken lassen. Zu viel versprechen würden sie damit auf keinen Fall.

(Text: Frank Guevara Pérez)



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Kreativteam

Musik von Andrew Lloyd Webber


Buch und Gesangstexte von Don Black und Christopher Hampton


Basierend auf dem Film von Billy Wilder

Deutsch von Michael Kunze

Musikalische LeitungAndjelko Igrec
InszenierungAndreas Gergen
AusstattungChristian Floeren
ProjektionsdesignAndreas Ivancsics
ChoreografieSabine Arthold


Besetzung

Norma DesmondMaya Hakvoort
Joe GillisLukas Perman
Max von MayerlingBeppo Binder
Betty SchaeferDorina Garuci
Cecil B. DeMilleGerhard Balluch
Artie GreenThomas Smolej
Manfred, Designer
Sheldrake
Florian Resetarits
1. Schuldeneintreiber
Schauspieler
Barmann
Mann 1
Mario Fancovic
Pförtner
Jones
Vladsilav Ivanov
Myron Vladimir Polovinchik
Sammy
John
Glenn Desmedt
2. Schuldeneintreiber
John
Mann 3
Ardeshir Babak
Morino
Glenn
Mann 2
Branimir Agovi
Cliff
Wunderkind
Mann 4
Masanari Sasaki
Mary
Girl 1
Astrologin
Erin Marks
Joanna
Ärztin
Anna Buchal
Dawn
Danielle
Frau 1
Masseurin 2
Tsveta Ferlin
Lisa
Jane
Kosmetikerin 1
Ayelen Regalado
Girl 2
Sandy
Analytikerin
Maria Koreneva
Kellnerin
Frau 2
Masseurin 1
Gabriela Marett
Anita
Jean
Kosmetikerin 2
Ekaterina Polster
Kathrin
Larissa
Kosmetikerin 3
Emily Nathan
Heather Christa Ertl
Orchester, Chor und Ballett der Bühne Baden





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Weitere Infos
Bei der Tony Award Verleihung 1995 wurde das Stück mit sieben Trophäen ausgezeichnet - darunter für das beste Musical, die beste Musik und das beste Buch.

 Kurzbewertung [ i ]
(fgp)

Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Die in vielen Szenen beinahe filmische Umsetzung des Hollywood-Klassikers besticht durch bombastischen Orchestersound und eine in den meisten Rollen großartige Besetzung.

09.07.2022

 Termine
Do11.08.19:30 Uhr
Stadttheater (Baden)
Mi17.08.19:30 Uhr
Stadttheater (Baden)
Sa20.08.18:00 Uhr
Stadttheater (Baden)
Do25.08.19:30 UhrDernière
Stadttheater (Baden)


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