Ensemble © Christian Husar
Ensemble © Christian Husar

NEUE REZENSION
Frau Luna (seit 03/2026)
Stadttheater, Baden

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Wer heute nach den Wurzeln des deutschsprachigen Musicals sucht, landet unweigerlich bei Paul Lincke. Seine „Frau Luna““ brach bereits 1899 mit der Wiener Walzerseligkeit und setzte stattdessen auf zackige Marschrhythmen und Revue-Elemente, die viel eher an den Broadway als an die Hofoper erinnern. Das Stadttheater Baden nutzt diesen historischen Genre-Grenzgang unter der Intendanz von Andreas Gergen nun konsequent aus: Mit einer Besetzung, die fast ausschließlich aus der Musicalwelt stammt, und der Regie von Simon Eichenberger wird die Reise zum Mond zur rasanten Ausstattungsrevue. Die Produktion nutzt das neue Buch von Christian Struppeck und verwandelt den in die Jahre gekommenen Klassiker in einen Abend, der im besten Sinne an den Charme eines überdrehten B-Movies erinnert.

Den entscheidenden Hebel dafür setzt das neue Buch von Christian Struppeck an. Er befreit die Geschichte aus der angestaubten Berliner Hinterhof-Gemütlichkeit und verankert sie in einer herrlich absurden Realität: Frau Pusebach ist hier keine einfache Vermieterin mehr, sondern die resolute Besitzerin einer Currywurst-Bude, in der Steppke sein Dasein fristet. Der Clou: Dieser Imbissstand ist nicht nur sozialer Mittelpunkt, sondern dient auch als eigentliches Luftschiff für die Reise zum Mond. Damit katapultiert Struppeck die Handlung weg vom klassischen Operetten-Kitsch direkt in die visuelle Welt einer herrlich abgedrehten Weltraum-Groschenoper. Auch in der musikalischen Dramaturgie beweist das Buch ein glückliches Händchen für Ergänzungen: Das berühmte „Glühwürmchen-Idyll“, das ursprünglich nicht zur „Frau Luna““ gehört sondern zu Linckes „Lysistrata“, wird hier als charmantes Duett zwischen der Mondherrin und Steppke eingebaut. Dieser Kniff stärkt die narrative Struktur und gibt der Beziehung der beiden eine emotionale Basis, die in der Urfassung oft zu kurz kommt. Ebenfalls gelungen ist die Transformation der Nebenfiguren: Aus dem ursprünglich berlinernden Lämmermann wird in Baden der trottelige Modeschöpfer Lamberthofer, der mit einer ordentlichen Portion Wiener Schmäh einen köstlichen Kontrast zur Berliner Fraktion bildet.

Simon Eichenberger nutzt diese Vorlage für eine Inszenierung, die sich durch ein enormes Tempo und ein feines Gespür für Slapstick auszeichnet. Er inszeniert die Reise nicht als weichgespülte Fantasie, sondern als knallige Ausstattungsrevue, die an vielen Stellen zum Brüllen komisch ist. Ein Paradebeispiel für diesen Look ist der Mondgroom: Als androider Computer-Roboter wirkt er wie direkt einem alten Science-Fiction-Streifen entsprungen und unterstreicht den gewollt schrägen Charakter der Produktion. Eichenberger, der im Musical zu Hause ist, überträgt dessen Dynamik konsequent auf die alte Operette, wodurch der Abend eine Frische erhält, die den ursprünglichen Marsch-Rhythmen von Paul Lincke extrem entgegenkommt.

Das Bühnenbild von Charles Quiggin schafft das visuelle Fundament für diesen rasanten Trip. Zu Beginn dominiert ein nostalgisches Berlin-Panorama, über dem bereits ein riesiger, zwinkernder Mond thront – ein direktes Zitat an die frühen Trickfilm-Pioniere wie Georges Méliès. Die Currywurst-Bude von Frau Pusebach, ein stilisierter Wohnwagen, bildet hier das Zentrum, bevor sich die Szenerie in eine opulente Mondwelt verwandelt. Diese besticht durch eine monumentale, weiße Treppenanlage und ein zentrales, alles überblickendes Auge, was den surrealen Retro-Futurismus dieser Inszenierung unterstreicht..

Die Ausstattung (ebenfalls Charles Quiggin) greift diesen Stil konsequent auf: Während die „Erdlinge““ mit charmanten DIY-Elementen wie Küchensieb-Helmen und Antennen in den Orbit starten, begegnen ihnen dort Mondbewohner, die wie eine glamouröse Kreuzung aus Insekten und Revue-Stars wirken. Besonders Stella besticht durch ein Kostüm, das mit einem überdimensionalen, perlenbesetzten Kopfputz den Spagat zwischen Science-Fiction und klassischer Operette meistert. Den optischen Höhepunkt bilden die Ballbesucher, deren Köpfe unter opulenten Lampenschirmen verschwinden – ein ebenso absurdes wie wirkungsvoll-schräges Bild. Diesen visuellen Witz übersetzt Dominique Brooks-Daw in eine Choreografie, die weit über das übliche Operetten-Maß hinausgeht. Ein markantes Stilmittel der Inszenierung ist die Transformation der musikalischen Nummern: Was oft als klassische Szene beginnt, mündet regelmäßig in rasanten, technisch brillanten Stepp-Passagen. Auch wenn der Fokus dabei stets auf den Hauptfiguren liegt, entfaltet das Ensemble in diesen Momenten eine enorme Broadway-Präzision. Dass die Choreografien dabei punktgenau auf das Slapstick-Timing der Regie abgestimmt sind, sorgt für einen dynamischen Fluss, der die Grenze zwischen den Genres endgültig verwischt.

Dass die Produktion in Baden so mühelos zwischen den Genres tänzelt, liegt dabei auch an der klugen Besetzungspolitik. Der Abend profitiert massiv von der Entscheidung, den Kern des Ensembles mit Musical-Stimmen zu besetzen: Ihre spezifische Leichtigkeit und rhythmische Flexibilität korrespondieren hervorragend mit der Spritzigkeit der Lincke-Partitur. In diesem modernen Kontext setzen Julia Koci in der Titelrolle und Maximilian Mayer als Prinz Sternschnuppe ganz bewusste, klassische Akzente. Statt wie Fremdkörper zu wirken, bilden sie einen reizvollen operettigen Kontrast, der die Tradition des Stücks wahrt. Koci überzeugt dabei besonders durch die Kombination aus stimmlicher Klarheit und einer enormen Spielfreude, die wunderbar mit dem Tempo ihrer Musical-Kollegen mithält.

Als zentrales Trio der Mondreisenden harmonieren Dennis Hupka (Steppke), Simon Stockinger (Lamberthofer) und Ricardo Frenzel Baudisch (Pannecke) perfekt miteinander. Dennis Hupka trägt dabei die Hauptlast der drei Rollen mit einer bewundernswerten Mischung aus Leidenschaft, Witz und authentischem Berliner Charme. Besonders in seinen technisch anspruchsvollen Stepp-Solos zeigt er eine enorme Präzision. Flankiert wird er von seinen beiden Gefährten: Simon Stockinger verleiht dem zum Modeschöpfer umgeformten Lamberthofer mit viel Spielfreude eine köstlich-trottelige Note und den nötigen Wiener Schmäh, während Ricardo Frenzel Baudisch als Pannecke das Trio stimmlich und komödiantisch souverän vervollständigt.

Den komödiantischen Anker des Abends wirft Sigrid Hauser als Frau Pusebach. In Kittelschürze stattet sie die Currywurst-Buden-Besitzerin herrlich herrisch und schnoddrig aus, beweist aber in jedem Moment ein feines Gespür für Situationskomik. Als ihr genialer Gegenpart fungiert Ramesh Nair in der Rolle des Theophil, der zum eigentlichen Herzschlag der Show wird: Mit einer Präzision, die an die großen Slapstick-Szenen eines Jerry Lewis erinnert, spielt er jeden Witz mit einer mimischen Brillanz und körperlichen Gestik aus, die ihresgleichen sucht. Seine tänzerische Perfektion ist dabei der Motor vieler Ensembleszenen; er beherrscht den Raum mit einer Leichtigkeit, welche die technische Brillanz der Inszenierung in jeder Sekunde beglaubigt. Ein optisches Highlight ist zudem Maria Gschwandtner als Mondgroom: In dieser rein tänzerischen Rolle scheint sie in ihren roboterhaften Bewegungsabläufen beinahe knochenlos zu sein.

Die musikalische Verantwortung liegt in den Händen von Victor Petrov, der mit dem Orchester der Bühne Baden beweist, wie viel rhythmische Energie in Paul Linckes Partitur steckt. Petrov wählt einen Ansatz, der trotz der großen Orchesterbesetzung niemals schwerfällig wirkt. Stattdessen präsentiert sich der Klang enorm pointiert und zackig – eine Voraussetzung, um den rasanten Stepp-Nummern auf der Bühne ein Fundament zu bieten. Das Orchester schlägt hier akustisch die Brücke, indem es die Marsch-Strukturen mit einer fast schon Big-Band-artigen Direktheit interpretiert. Besonders erfreulich ist dabei die Balance: Trotz der orchestralen Kraft bleibt die Textverständlichkeit bei den neuen Struppeck-Dialogen und den rasanten Ensemblenummern durchweg exzellent.

„Frau Luna“ in Baden ist weit mehr als eine nostalgische Reise zum Mond und zeigt eindrucksvoll, dass das Genre Operette nicht im Museum verstauben muss, wenn man es konsequent mit dem Tempo und der handwerklichen Präzision des Musicals auflädt. Wer bereit ist, die Currywurst-Bude am Pariser Platz als Luftschiff zu akzeptieren, wird mit einem Abend belohnt, der durch seine enorme Spielfreude, spektakuläre Choreografien und eine kluge Besetzung besticht. Ein mutiger, extrem unterhaltsamer Grenzgang, der zeigt, wie viel moderne Musical-DNA tatsächlich in der „Berliner Luft“ steckt.

 
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KREATIVTEAM
Musikalische LeitungVictor Petrov
InszenierungSimon Eichenberger
ChoreografieDominique Brooks-Daw
AusstattungCharles Quiggin
NachdirigatIoannis Poulakis
ChoreinstudierungVictor Petrov
LichtdesignStephanie Affleck
SounddesignFlorian Carau
 
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CAST (AKTUELL)
Frau LunaJulia Koci
MarieMariella Hofbauer
StellaAnna Rosa Döller
SteppkeDennis Hupka
Prinz SternschnuppeMaximilian Mayer
TheophilRamesh Nair
LamberthoferSimon Stockinger
PanneckeRicardo Frenzel Baudisch
Frau PusebachSigrid Hauser
MondgromMaria Gschwandtner
MarsBranimir Agovi
VenusIvana Zdravkova
mitOrchester
Chor
Tanzensemble
Young Artists der Bühne Baden
  
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TERMINE
Do, 19.03.2026 19:30Stadttheater, Baden
Sa, 28.03.2026 15:00Stadttheater, Baden
Mi, 01.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Do, 02.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Sa, 04.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Sa, 11.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Do, 16.04.2026 18:00Stadttheater, Baden
Fr, 17.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Do, 23.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
Fr, 24.04.2026 19:30Stadttheater, Baden
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TERMINE (HISTORY)
Fr, 13.03.2026 19:30Stadttheater, BadenPremiere
Sa, 14.03.2026 19:30Stadttheater, Baden
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