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HintergrundInterview mit der Wiesbadener Jugendclub-Regisseurin Iris Limbarth
Amateure im Repertoire
 
Das ist bundesweit einmalig: Seit 20 Jahren haben von Amateuren gespielte Musicals einen festen Platz im Repertoire des Staatstheaters Wiesbaden - mittlerweile mit bis zu sechs Stücken gleichzeitig. Regisseurin Iris Limbarth über die besonderen Herausforderungen der Arbeit, Reaktionen von Mitarbeitern und die Castings zu "Frühlings Erwachen".
Interview von Daniel von Verschuer
Im Hessischen Staatstheater Wiesbaden gehören die Produktionen des Jugendclubtheaters (JCT) seit 20 Jahren zum festen Hausrepertoire. Die Regisseurin und Chroreographin Iris Limbarth stammt aus Wiesbaden und inszeniert im Profi-Bereich unter anderem an den Theatern Bielefeld und Nordhausen und der Freilichtbühne Meppen. Das JCT ist ihr "Baby": Limbarth war zu Beginn als Darstellerin und später als Choreographin an den ersten JCT-Produktionen beteiligt; seit 2001 inszeniert sie selbst.

Deutsche Stadt- und Staatstheater sind in der Regel nicht besonders experimentierfreudig. Wer hatte die Idee, am Hessischen Staatstheater einen beträchtlichen Teil des Spielplans mit Amateuren zu bestreiten?

Im Jahr 1987 - ich war zu dieser Zeit Ballett-Elevin am Staatstheater - gab es eine Menge begabter junger Menschen noch ohne Schauspielausbildung, die regelmäßig kleine Rollen übernommen haben. Diese jungen Leute suchten nach einer Möglichkeit, mehr zu machen als nur Schultheater - in den 1980er Jahren wurden überall Jugendclubs gegründet, unter anderem auch der Schülerclub in Frankfurt, und dann eben unter dem damaligen Intendanten Claus Leininger 1987 auch das JCT in Wiesbaden. Man wollte jungen Leuten, die das Theater zum Beruf machen wollten, eine Plattform geben. Das JCT hat sich schnell auf Musicals spezialisiert, weil zwar viele Schauspiel-Jugendclubs existieren, es für junge Leute mit gesanglichem oder tänzerischem Talent aber kaum Möglichkeiten gibt, auf der Bühne zu stehen. Wir bieten seitdem vielen Leuten eine Chance, "Theater als Beruf" auszuprobieren, die diese Chance sonst nicht hätten. Der Jugendclub hat schon einige bekannte Leute hervorgebracht: Opernsänger, Tänzer, Filmregisseure, Musicaldarsteller, auch sehr viele Schauspieler.

Regisseurin, Choreographin, Tänzerin: Iris Limbarth (Bild: privat).

Das erste JCT-Musical "Was heißt'n hier Liebe?", Premiere 1989 (Bild: Martin Kaufhold).
Warum behalten Sie bis heute die Spezialisierung auf Musicals bei? Wäre es für Jugendliche nicht leichter, mit Schauspielstücken in den Theaterbetrieb einzusteigen?

Reinhardt Friese, der erste Regisseur des JCT, hatte eine große Vorliebe für das Musical - ebenso wie ich als seine Nachfolgerin. Als ich 1989 meine Tanzausbildung abschloss, gab es in Deutschland außer der Hamburger Stage School noch keine Musicalschulen. Alles, was es in Deutschland zum Thema Musical gab, war unausgereift. Dann ergab sich, dass Musicals öfter als nur drei- oder viermal im Monat gespielt werden können - einfach, weil sich die Vorstellungen gut verkaufen. Es hat sich herauskristallisiert, dass man Musical mit Nachwuchsleuten öfter ansetzen kann als Schauspiel. Außerdem gab es dafür eine Nische, die vom Profiensemble nicht so häufig bedient wird, nämlich Unterhaltungstheater im besten Sinne. Das JCT hat sich dann immer mehr professionalisiert, es wurden nach und nach nur noch Darsteller gecastet, die auch eine entsprechende Begabung in einem der Bereiche Gesang oder Schauspiel mitbringen. Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten: Theater müssen immer mehr Kosten einsparen, da ist es nicht leicht, ein Zusatzprojekt wie das JCT zu rechtfertigen. Aber unsere Produktionen sind bisher immer sehr erfolgreich gewesen, die Vorstellungen tragen sich finanziell meist selbst. Wir haben von Anfang an großzügige Unterstützung von den Freunden des Hessischen Staatstheaters erhalten. Dennoch haben wir den kleinsten Etat - man muss sehr erfinderisch sein, um dem wachsenden Anspruch zu genügen. Aber so bleiben wir kreativ.

Wie viele Angestellte des Staatstheaters sind im Durchschnitt an einer JCT-Produktion beteiligt?

Etwa 100 sind es bestimmt - Schreinerei, Schlosserei, Malersaal, Kostümabteilung. Unsere Kostümbildnerin greift beispielsweise auf den Theaterfundus zurück und näht selbst. Zum Glück stehen alle technischen Abteilungen hinter uns. Alle unterstützen uns, wo sie nur können, weil sie unsere Arbeit toll finden. Alle nehmen die Arbeit für das JCT genauso ernst wie ihre Tätigkeit für professionelle Produktionen. Bei unseren Generalproben sind dann auch die meisten anwesend und freuen sich mit uns.
Kann man sagen: Den Angestellten liegt das JCT am Herzen, und die Theaterleitung lässt Sie in Ruhe arbeiten, weil das Projekt Geld bringt?

Naja, die Aussage ist vielleicht etwas zu pauschal. Unser Intendant Manfred Beilharz steht hinter dem Projekt und ist bei unseren Premieren regelmäßig begeistert, was wir leisten - aber das JCT existierte eben schon, als er kam.

Es werden immer mehr Stücke parallel gespielt - ist die Belastung nicht zu groß für nicht ausgebildete Darsteller?

Wir haben traditionell im kleinen Haus zwei Musicals parallel jeweils zwei Jahre lang gespielt, wobei jedes Jahr ein neues dazu kam und ein altes abgespielt wurde. Als die Wartburg als dritte Spielstätte des Staatstheaters neben dem großen und dem kleinen Haus dazu kam, sollte dort auch ein Musical gespielt werden, um den Spielplan etwas aufzulockern. Jetzt gibt es auch dort jeweils ein JCT-Stück, das schon läuft, und eines, das neu dazu kommt. Zusätzlich ist mit "Honk!" ein auch für Kinder geeignetes Stück bereits länger auf dem Spielplan. Die Laufzeitverlängerung wurde beschlossen, weil es für Kinder nicht besonders viel Programm in der Wartburg gibt. Und "Copacabana" am kleinen Haus lief so erfolgreich, dass es ebenfalls verlängert wurde. Damit spielen wir zur Zeit sechs Stücke: "Rent", "Anything Goes" und "Copacabana" am kleinen Haus sowie "Honk!", "Baby" und "Non(n)sens" in der Wartburg. Das ist schon fast nicht mehr zu machen. Manche unserer Darsteller sind sogar an allen sechs Produktionen beteiligt und spielen beispielsweise im kommenden Januar mehr als ein Dutzend Vorstellungen!

Flower Power in den Neunzigern: "Hair", 1997 (Bild: Martin Kaufhold).

Seit 2007: "Rent" in der Neuübersetzung von Wolfgang Adenberg (Bild: Martin Kaufhold).
Können Sie den Unterschied zwischen der Arbeitsweise mit den Amateuren des JCT und derjenigen mit professionellen Darstellern beschreiben?

Den Jugendlichen muss man natürlich erst einmal das Rüstzeug mitgeben. Deswegen ist es bei uns auch selten der Fall, dass jemand, der neu dazustößt, gleich eine große Rolle bekommt. Da fehlt noch das Handwerk, die richtigen Ausdrucksmittel, die Präsenz auf der Bühne. Das lernen die Darsteller dann meist im Lauf von ein bis zwei Jahren. Diese Grundlagenarbeit muss ich jedes Jahr wiederholen - es kommen neue Darsteller dazu, andere verlassen die Gruppe, viele gehen auf Theater- oder Musicalhochschulen. Letztes Jahr wurden zum Beispiel zwei unserer Leute in Berlin (Ernst Busch und UDK) und zwei in München (August Everding) aufgenommen. Dadurch bleibt das "System" aber auch frisch. Ich kann nicht sagen: "Macht das mal so, wie wir es immer gemacht haben", sondern muss selbst immer wieder neue Wege, neue Konzepte für die Arbeit mit den Jugendlichen finden. Das ist spannend und macht sehr viel Spaß.
Mit ausgebildeten Darstellern ist es natürlich anders. Profis bieten - in der Regel - mehr an, so dass sich die Arbeit meistens auf die eigentliche Stückinszenierung beschränkt und weniger Zeit benötigt wird.

Wie erklären Sie sich, dass Inszenierungen des JCT oft mit professionellen Inszenierungen desselben Stücks an anderen Häusern mithalten können?

Ich glaube, es liegt daran, dass meine Darsteller und ich die Stücke lieben, die wir auf die Bühne bringen. Wir lassen uns Kleinigkeiten einfallen, die die Inszenierung besonders machen. Die Begeisterung fürs Musical ist einfach der Schlüssel, um erfolgreich zu sein. Ich versuche auch, gegen den schlechten Ruf anzukämpfen, den Musical hierzulande hat - dass Musicals lustlos heruntergespielt werden, nur weil sie Geld bringen. Mein Ziel ist es, dass der Zuschauer nach der Vorstellung rausgeht und sagt "Mensch, Musical ist doch toll!". Dabei liegt für mich persönlich der Fokus allerdings auf dem Stadt- und Staatstheater. Unser gewachsenes Theatersystem in Deutschland hat durch die Vielfalt des Mehrspartensystems einiges zu bieten. Natürlich ist es nicht immer leicht, an subventionierten Theatern Musicals zu spielen, aber viele Intendanten denken mittlerweile um und engagieren für das Kreativteam Spezialisten - im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten. Wenn man sich zum Beispiel die Theater in Bielefeld, Gelsenkirchen oder Hildesheim anschaut, findet da wirklich gutes Musical statt. Wichtig ist auch, dass man die Stücke mit den Darstellern, die man zur Verfügung hat, neu interpretiert und sie nicht in ein bestehendes Konzept presst.
Haben die Produzenten von "Frühlings Erwachen" auch bei Ihnen nach Darstellern gesucht?

Es gab bereits im Frühsommer eine Anfrage. Ein paar unserer Darsteller, die in Frage gekommen wären, haben aber im Sommer ihre Schauspiel- oder Musicalausbildung begonnen oder gehen hier noch zur Schule. Trotzdem waren einige beim Casting, eine Darstellerin kam sogar bis in die letzte Runde. Sonja Dengler, ein ehemaliges JCT-Mitglied, hat ihre Schauspielausbildung an der Hochschule in Stuttgart gemacht und wurde engagiert. Mein erster Gedanke war: Toll, das ist eine großartige Chance für unsere Leute! Andererseits: Was passiert mit den Darstellern, wenn sie ein, zwei Jahre "Frühlings Erwachen" gespielt haben? Das ist einfach zu gefährlich, sie haben dann keine Ausbildung, keine richtigen Grundlagen. Ich habe sowieso gehofft, dass das Stück nicht als Großproduktion im deutschsprachigen Raum Premiere feiert. So ein Stück muss mit einem jungen Ensemble, am besten an einem Stadttheater, aufgeführt werden. Für uns wäre "Frühlings Erwachen" zum Beispiel das perfekte Stück! Ich glaube, man muss amerikanische Musicals für Deutschland neu und anders inszenieren als am Broadway. Die Art zu spielen ist eine andere, unsere ganze Theatertradition ist anders. Damit meine ich nicht Regietheater, das Musicals oft denunziert. Ich fand beispielsweise den Ansatz toll, mit dem das Schloßparktheater in Berlin bespielt wurde - aber Privattheater müssen sich finanzieren und Experimente sind oft riskant. Das wirkt sich dann auf die Eintrittspreise aus. An Stadttheatern sind die Preise durch Subventionen moderat, mehr Leute können sich Eintrittskarten leisten. Theater hat ja auch einen Auftrag zu erfüllen!
 
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