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HintergrundBundeswettbewerb Gesang 2007
Wir waren ziemlich gnadenlos
 
Alle zwei Jahre findet der Bundeswettbewerb Gesang in den Kategorien Musical und Chanson statt - und entwickelt sich immer mehr zu einer Leistungsschau der deutschen Musical-Ausbildungsstätten. Die muz hat Halbfinale und Preisträgerkonzert 2007 begleitet.
Reportage von Björn Herrmann
"Wir waren heute ziemlich gnadenlos", sagt Jurypräsident Andreas Gergen und atmet tief durch. "Ich persönlich hätte den einen oder anderen Rohdiamanten gern noch weiterkommen lassen." Das Halbfinale in der Juniorenklassen des Bundeswettbewerbs Gesang, Kategorie Musical (17-22 Jahre), liegt hinter ihm und seinen Jurykollegen. 33 Sängerinnen und Sänger mit ingesamt 99 Songs hat er heute gehört und bewertet. "Das ist schon eine Mammutaufgabe", sagt er, während sich auf der Bühne des nüchternen 60er-Jahre-Konzertsaals der UdK Berlin noch die 11 Finalisten freuen. Das Besondere beim Bundeswettbewerb: Auch die ausgeschiedenen Kandidaten erhalten von der Jury ein Feedback und eine eingehende Beratung.

Wer über eine Vorrunde auf Landesebene den Sprung nach Berlin geschafft hat, muss noch das Halbfinale und das Finale überstehen, um den Sieg und damit eine Studienunterstützung in Höhe von 5000 Euro mitzunehmen. Sieben Männer und nur vier Frauen qualifizierten sich in diesem Jahr bei den Junioren für das Finale - ein ungewöhnlich hoher Männeranteil. "Sowas hatten wir früher nicht", sagt Gergen, der der sechsköpfigen Jury vorsitzt. "Das Niveau war in diesem Jahr recht erfreulich, aber vor allem die Leistungsdichte im Männerfeld war ungewöhnlich."

Schauplatz: Im Konzertsaal der UdK Berlin wurde das Finale ausgetragen (Bild: muz)

Durchhaltewillen: Das Publikum der Finalrunden sah 8 Stunden Musicalsoli am Stück (Bild: muz)

Ebenso ungewöhnlich: Die Dominanz der Berliner Universität der Künste, die allein die Hälfte der Finalisten im Juniorenwettbewerb stellt. "Das ist schon eine Leistungsschau der Hochschulen", stellt Jurymitglied Norbert Hunecke, selbst ausgebildeter Musicaldarsteller und bei der Bundesagentur für Arbeit zuständig für die Arbeitsvermittlung von Musicaldarstellern, klar. "Die Qualität ist unheimlich nach oben gegangen, wenn man sich überlegt, wo die staatlichen Schulen noch vor zehn Jahren standen und was sie jetzt können. Das setzt schon Maßstäbe. Dennoch, auch wer es an einer der privaten Schulen schafft, durchzukommen und auf sich aufmerksam zu machen, hat eine Chance am Markt."

Dennoch wirkt die im Halbfinale ausgeschiedene Lena Wischhusen von der privaten German Musical Academy in Osnabrück geknickt. "Das ist für uns schon so, dass wir gegenüber den Staatlichen hier als Underdogs starten", sagt Wischhusen. "Das motiviert natürlich, aber man sieht dann doch, wer am Schluss meist durchkommt. Dann hatte ich noch Pech in der Songauswahl und das war es dann." Zehn Songs muss jeder der Teilnehmer einreichen, die Jury wählt daraus zwei aus. Dazu kommt dann ein Wahlsong des Sängers. Danach bewertet jeder Juror für sich. Erst nach Abschluss der Runde einigt sich das Gremium auf ein gemeinsames Ergebnis.

So läuft dann auch die Routine ab, die den Ablauf des Tages bestimmt. Das Spektrum der vorgestellten Nummern ist weit: Von Chansons und Comedynummern ("Mittelmäßiger Klaus") bis hin zu den rar gestreuten Klassikern der klassischen ("Maria") und neueren ("Dies ist die Stunde") Musicalliteratur. Auffällig dabei der weitgehende Verzicht auf die ganz großen Balladen. Jurypräsident Gergen, vor zehn Jahren selbst mit dem Jekyll-Klassiker "Dies ist die Stunde" Sieger, begrüßt das: "Grad bei dem Song werde ich immer etwas nervös. Das geht in den meisten Fällen in die Hose, tausendmal gehört und dann kommt wieder dieselbe Interpretation, die dann oft auch noch gesanglich scheitert. Das hat wenig Sinn." Umso überraschter sind dann Jury und Publikum, als sich am ersten Wettbewerbstag gegen 18 Uhr als letzter Teilnehmer Dennis Jankowiak von der UdK Berlin genau an diesen Song wagt und mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit die gesanglichen Klippen umschifft. Der Jubel des kleinen, aber durchhaltewilligen Auditoriums - zumeist Teilnehmer und "Schlachtenbummler" von den Schulen - zeigt deutlich, dass er mit dieser Bravourleistung als Favorit für das anstehende Finale gelten kann.

Verkündet: Jurypräsident Gergen beglückwünscht die Finalisten des Juniorenwettbewerbes (Bild: muz)

Die Sieger (von links): Elena Zvirbulis, Jonas Hein, Max Messler, Dionne Wudu, Sebastian Stipp, Juliane Dreyer, Dennis Jankowiak, Lars Redlich, Bettina Mönch, Martina Mühlpointner, Christopher Brose, Christiane Klimt, Corinna Ellwanger, Adrienn Krekács, Milica Jovanovic, Maria Helgath, Anna Veit (Bild: Matthias Heyde)

Eine Woche später. Aus dem Favoriten ist ein Sieger geworden, aus dem kleinen Fachpublikum der voll besetzte Friedrichstadtpalast. Das Preisträgerkonzert wird zum Branchentreff und zur Leistungsschau für zukünftige Besetzungsvarianten. Doch für die insgesamt elf Preisträger in den Kategorien Musical Junioren (17-22 Jahre), Musical Hauptwettbewerb (22-28 Jahre) und Chanson Hauptwettbewerb (23-28 Jahre) zählt erst einmal eines: den großen Auftritt sicher auf die riesige Bühne zu bringen. "Die Bühne ist ein Monster", beschreibt Max Messler, als Sonderpreisträger des Musical-Hauptwettbewerbes mit "Warum kannst Du mich nicht lieben" aus "Mozart!" dabei, seine Empfindungen auf der insgesamt fast 50 Meter tiefen Bühne. "Du gehst da raus und singst in ein riesiges schwarzes Loch. Du siehst und erkennst niemanden."

Locker und von Götz Alsmann gewohnt flapsig moderiert geht eine zweistündige Show über die Bühne, die, obwohl nur aus Solostücken mit Bandbegeleitung (Adam Benzwi und die Band der Bar jeder Vernunft) bestehend, begeistern und fesseln kann. Die Darsteller füllen größtenteils mühelos die mit drei Showtreppenteilen und Sternenhimmel sparsame, aber wirkungsvolle Kulisse und bieten noch einmal die Höhepunkte ihrer Wettbewerbsbeiträge dar. Da kann Juniorenpreisträger Dennis Jankowiak (UdK Berlin) nicht nur mit der schon erwähnten "Jekyll"-Nummer punkten, sondern überzeugt auch mit der komödiantischen Darbietung von "Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe". Die Zweitplatzierte Corinna Ellwanger (Leipzig) überzeugt mit Sondheims "The Ladies Who Lunch". Zum Höhepunkt des ersten Akts wird der Auftritt von Christiane Klimt (UdK Berlin), die als Sonderpreisträgerin des Chanson-Wettbewerbs mit dem Klassiker "Bohnen in die Ohrn" für ein komödiantisches Highlight sorgt.

Sieger im Juniorenwettbewerb: Dennis Jankowiak (Bild: Bundeswettbewerb)

Siegerin im Hauptwettbewerb Chanson: Anna Veit (Bild: Bundeswettbewerb)

Schon in der Pause herrscht im Foyer die lockere Atmosphäre einer Familienfeier, Darsteller der Berliner Großproduktionen fallen sich ebenso in die Arme wie Schulleitungen und Dozenten der privaten und staatlichen Schulen, Komponisten, Texter und Kreative von Thomas Zaufke ("Letterland") bis Koen Schoots ("Jekyll & Hyde") geben sich ein Stelldichein. Der zweite Akt bringt dann die Sieger der Hauptwettbewerbe auf die Bühne. Lars Redlich (UdK Berlin, 2. Platz Haupwettbewerb Musical) liefert eine urkomische Version von "Abendessen" aus "You're a Good Man, Charlie Brown", Milica Jovanovic (München, Hauptwettbewerb Musical, Sonderpreis) brilliert gesanglich mit "Glitter and Be Gay" aus "Candide". Götz Alsmann ruft bei der Anmoderation der Siegerin Anna Veit (Passau) dramatisch auf zur Rettung des aussterbenden Genres Chanson, wird aber von der Erstplatzierten sogleich von der Überflüssigkeit seines Appells überzeugt. Mucksmäuschenstill ist es im ansonsten beifalls- und jubelfreudigen Saal, als Anna Veit, sich am Kontrabass selbst begleitend, mit dem Chanson "Herz in der Hand" für den anrührenden Höhepunkt des Abends sorgt.

Dagegen hat es Musical-Siegerin Bettina Mönch (München), immerhin schon als Amneris in der Stage-Entertainment-Tour von "Aida" auf großen Bühnen unterwegs, dann sichtlich schwer, so richtig will ihr "Roxy" aus "Chicago" nicht zünden. Da bleibt es dann der gemeinsamen Abschlussnummer aller Finalisten aus "Mamma Mia!" überlassen, wieder für Hochstimmung im Saal zu sorgen, die sich auch bei der anschließenden Preisverleihung im Foyer durch Bürgermeister Klaus Wowereit fortsetzt. Urkunden werden verteilt, Siegerfotos gestellt und immer wieder übertönen spitze Freudenschreie das Gemurmel der Festgäste. Ein zufriedenes Fazit können die Organisatoren und Juroren des Wettbewerbes ziehen. "Das ist auf jeden Fall ein Plus, ein Ausweis für die zukünftigen Jobs, wenn man hier mal gewonnen hat", sagt Juror Hunecke.

Siegerin im Hauptwettbewerb Musical: Bettina Mönch (Bild: Bundeswettbewerb)

Die Preisträger 2007:

Juniorenwettbewerb Musical (17-22 Jahre)

1. Förderprämie: Dennis Jankowiak (Berlin)
2. Förderprämie: Corinna Ellwanger (Leipzig)
3. Förderprämie: Juliane Dreyer (Berlin)
Weitere Förderprämien: Sebastian Stipp (Berlin), Jonas Hein (Essen), Christopher Brose (Berlin)

Hauptwettbewerb Chanson (23-28 Jahre)

1. Preis: Anna Veit (Passau)
3. Preis: Maria Helgarth (München)
Sonderpreis: Christiane Klimt (Berlin)

Hauptwettbewerb Musical (22-28 Jahre)

1. Preis: Bettina Mönch (München)
2. Preis: Dionne Wudu (Essen)
2. Preis: Lars Redlich (Berlin)
3. Preis: Adrienn Krekács (München)
Sonderpreise: Martina Mühlpointner (Leipzig), Milica Jovanovic (München), Elena Zvirbulis (Hamburg), Max Messler (Osnabrück)
 
Verwandte Themen:
Produktion: Preisträgerkonzert Bundeswettbewerb Gesang (Friedrichstadt-Palast Berlin)
News: Gergen verläßt Stage Entertainment (26.12.2007)

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