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Tragikomödie

Anatevka

Liebe kennt keine Grenzen


Wer kennt es nicht: Das alte Lied von der rebellischen Jugend wird in Karl Absengers Anatevka zwar nicht neu vertont, geht aber dennoch ins Ohr – denn die Bonner Inszenierung balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Komödie und Tragödie, unterhält und bestürzt, ist eingehend und kurzweilig zugleich. Ein wuchtiger Abend im leichten Gewand.

(Text: Lisa Toszkowski)

Premiere:13.03.2016
Rezensierte Vorstellung:13.03.2016


Diese jungen Leute von heute! Milchmann Tevje hat es nicht leicht. Denn er hat – Gott sei's geklagt – fünf Töchter, drei davon heiratsfähig. Und die machen ihm das Leben zur Hölle. Die eine – obwohl dem reichen Fleischer Lazar Wolf (Martin Tzonev) versprochen – liebt den mittellosen Schneider Mottel (Christian Georg). Die andere ehelicht einfach den freigeistigen Studenten Perchik (Dennis Laubenthal) – und zwar ohne vorher zu fragen. Und die nächste überspannt den Bogen völlig und brennt mit dem christlichen Russen Fedja (Jeremias Koschorz) durch – ein Eklat. Und ein Bruch mit allen Regeln. Mit den Regeln von Anatevka, einem kleinen ostjüdischen Dorf in der Ukraine mit wenig Wohlstand, dafür aber jeder Menge Traditionen. "Wer ist allein der Herr in seinem Haus? Der Papa!" singen seine Bewohner und deuten damit bereits im Opening des mittlerweile 52 Jahre alten Broadway-Musicals das pubertäre Chaos an, das noch über das beschauliche Anatevka hereinbrechen wird. Doch was nach heiterer Komödie klingt, geschieht vor tragischem Hintergrund. Denn Anatevka hat außerdem noch ganz andere Sorgen. Wir schreiben das Jahr 1905, kurz vor der Russischen Revolution. Gewalt, Pogrome und zügellose Militärs geistern durchs Land und halten die jüdische Bevölkerung in Atem.

Doch Anatevka lässt sich nicht unterkriegen. Die Menschen hier leben in ihrer eigenen Welt, nach ihren eigenen Sitten, Bräuchen und Gesetzen. Und niemand weiß dies mehr zu schätzen als Tevje und nichts könnte ihm daher ungelegener kommen als drei aufmüpfige, dickschädelige Teenager. Aber der schmerbäuchige Milchmann ist ein Überlebenskünstler, trotzt dem gottgewollten Schicksal ("Ich weiß, wir sind das außerwählte Volk, aber könntest du nicht ab und zu mal ein anderes auserwählen?") mit jeder Menge jüdischem Zynismus und Selbstironie und findet in Gerhard Ernst den perfekten Interpreten. Mit warmer Bassstimme und Teddybären-Charme manövriert er sich liebenswürdig-amüsant durch die Krisen seines Lebens, köstlich seine Einerseits-Andererseits-Abwägungen, nahezu hitverdächtig sein "Wenn ich einmal reich wär".

Weniger humorvoll, dafür jedoch wunderbar kokett und burschikos – Anjara I. Bartz alias Tevjes besserer Hälfte Golde. Als verhärmter und doch weichherziger Hausdrache glänzt sie mal mütterlich-zärtlich in ihren Soloparts im gefühlvollen "Jahre kommen, Jahre gehen" und kontrastiert mal mit kraftvoll-ausladendem Sopran im Duett "Ist es Liebe?" mit Co-Akteur Ernst. Und so gegensätzlich beide auch auf den ersten Blick erscheinen – im Grunde eint sie im Laufe des dreistündigen Abends ein und dasselbe Problem: ihre Töchter. Denn Tzeitel (Sarah Laminger), Hodel (Maria Ladurner) und Chava (Lisenka Kirkcaldy) entsagen sich dem Einfluss der selbsternannten Heiratsvermittlerin Jente (wunderbar charismatisch mit perfektem jiddischen Akzent: Maria Mallé), welche im Laufe des Abends zusehends arbeitslos wird, und sagen damit sämtlichen kulturellen Restriktionen den Kampf an. Gesanglich sind sich die drei Schwestern dabei mehr als ebenbürtig, besonders Maria Ladurner alias der zweitältesten Tochter Hodel befreit sich in ihrem trotzigen und dennoch sehnsüchtigen "Abschied vom Elternhaus" vom Mauerblümchen-Dasein im beengten Anatevka.

Dieses lässt uns Bühnenbildnerin Karin Fritz im Guckkasten-Prinzip erleben. Die Bühne ist ein schwirrender, wuselnder Ort geschäftigen Lebens, zwischen dessen erdrückend hohen Bretterwänden dennoch – trotz unzähliger Umbauten – die Zeit still steht.

Bis zu jenem Tage, an dem die Realität auch dieses Dorf einholt. Das russische Militär hält Einzug, die Bewohner müssen ihre Heimat zwangsweise verlassen. Der Schatten des Antisemitismus fällt nun auch auf das kleine Anatevka.

Das Thema ist brisant und besitzt von sich aus genügend Aktualitätsbezug. Glücklicherweise reitet Regisseur Absenger nicht unnötig darauf herum, quält das Publikum nicht mit flachen Gegenwartstransformationen und peinlichen Überdeutlichkeiten, sondern bleibt ganz bei seiner Inszenierung. Entsprechend eindeutig sind auch die Kostüme gehalten – Fritz hat die Figuren mit traditioneller bis rustikaler Robe ausgestattet. Eine gewisse Schlichtheit, aber mit Liebe zum Detail – das Erfolgskonzept der gesamten Inszenierung. Dennoch lässt Absenger sich nicht lumpen und geizt in der Traumszene der Golde nicht mit Special Effects.

Doch was wäre der Abend ohne den grandiosen Stephan Zilias, unter dessen Leitung das Beethoven Orchester Bonn zur Höchstform aufläuft? Leichtfüßig gelingt dem gestandenen Dirigenten der fliegende Wechsel von der flotten und ausgelassenen jüdischen Tanzmelodie (die fantastische Choreografie stammt von Vladimir Snizek) hin zum tragischen Solo-Violinspiel des "Fiddler on the Roof", des Geigers auf dem Dach. Und wenn dann die melancholisch-wehklagenden Klänge aus dem Orchestergraben schweben und Tevje mit seiner Frau endgültig Anatevka verlässt, glänzt in seinem letzten Blick zurück nicht nur der Trennungsschmerz von der Heimat, sondern auch der endgültige Abschied von der Kindheit seiner drei geliebten Töchter. Ein kleines, intimes Drama inmitten einer Zeit der großen Unruhen. Jenes Drama, das sich in nahezu jeder Familie abspielt. Der Abend hinterlässt Spuren.


(Text: Lisa Toszkowski)






Kreativteam

Musikalische Leitung Stephan Zilias
Inszenierung Karl Absenger
Ausstattung Karin Fritz
Choreographie Vladimir Snizek
Choreinstudierung Marco Medved
Einstudierung Kinderchor Ekaterina Klewitz


Besetzung

TevjeGerhard Ernst
GoldeAnjara I. Bartz
TzeitelSarah Laminger
HodelMaria Ladurner
ChavarLisenka Kirkcaldy
ShprintzeHannah Schiller
Victoria Telegina
BielkeSierra Douglas
Lola Eulitz
Mottel KamzoilChristian Georg
Schandel
Oma Tzeitel
Barbara Teuber
PerchikDennis Laubenthal
Lazar WolfMartin Tzonev
Fruma-SaraDaniela Päch
1. RusseJohannes Mertes
FedjaJeremias Koschorz
JenteMaria Mallé
MotschachMichael Seeboth
RabbiBoris Beletskiy
Algis Lunskis
MendelNicholas Probst
Sven Bakin
SaschaJohannes Ipfelkofer
AwramJosef Michael Linnek
Christian Specht
NachumGeorg Zingerle
Eduard Katz
JusselNiklas Schurz
Ein WachtmeisterStefan Viering
TänzerHayato Yamaguchi
Salim Ben Mammar
Abet Gino
James Atkins
Tim Èeèatka
Erik Constantin
Chor des Theater Bonn

Kinder- und Jugendchor des Theater Bonn

Beethoven Orchester Bonn

Bürgerinnen und Bürger der Stadt Bonn




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Handlung
Milchmann Tevje wohnt mit fünf Töchtern und seiner resoluten Ehefrau in dem kleinen jüdischen "Schtetel" Anatevka, einem ukrainisches Dorf im Jahr 1905. mehr

Weitere Infos
Aufführungsrechte: Verlag Musik und Bühne.

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Inszenierung

Musik

Besetzung

Ausstattung

Junge Liebe, Geld und Tradition passen nicht zusammen – außer in Absengers herrlich komisch-tragischem Abend. Ein musikalisches Feuerwerk mit einem engagierten Ensemble.

18.03.2016

 Termine
So09.04.18:00 UhrWieder­aufnahme
So16.04.15:00 Uhr
Sa22.04.19:30 Uhr
So30.04.18:00 Uhr
Di09.05.18:00 Uhr
So21.05.18:00 Uhr
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